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Stephan Bohnsack, Rostock

See-Wehwehen


Kubanische Kakteen sind wehrhaft

Bei mehreren Ausflügen in verschiedenen Karibikhäfen sammelte Stephan Pflanzen,
speziell bestimmte Kakteen, bis sich eines Tages diese Geschichte abspielte.

slr-sb-kaktus.gifStacheln im Hintern können das Leben ganz schön erschweren, besonders dann, wenn sie kräftig gewachsen und lang genug sind, um tief ins Fleisch eines Opfers einzudringen. Die Stacheln meiner gesammelten kubanischen Feigenkakteen waren auch kräftig gewachsen, wie sich herausstellte, nämlich als wir sie nacheinander aus dem Sitzfleisch eines Mitgliedes unserer Decksgang herauszogen.

Die besagte Nacht in Havanna war für uns genauso unangenehm schwül wie alle vorangegangenen, denn keiner von uns auf dem Typ-IV-Schiff konnte ohne Klimaanlage wirklich gut schlafen. Für jeden kühlenden Hauch führten wir ein wahrhaft "offenes" Bordleben, welches aber in der Besatzung einen einzigartigen Zusammenhalt mit engen Kontakten schaffte, manchmal sogar mit recht skurrilen, wie das nun folgende Erlebnis schildert.

Kurz vor Mitternacht, gerade vom Landgang zurückkehrend und an Bord dem Lärm in der Nähe meiner Unterkunft folgend, betrat ich die weit geöffnete Kammer des Bäckers im Achterschiff.

Eine filmreife Szene

Hier erwartete mich ein Anblick, den ich leider für die Nachwelt nicht bildlich festhalten und vorerst auch für mich nicht einordnen konnte: Mein Kollege hing tief nach vorne gebeugt auf der Back, die Hose von der Hüfte bis tief hinab in die Kniekehlen gezogen, die blanken Rundungen seines Achterstevens weit hochgestreckt - dabei aber eine dampfende Zigarette zwischen den Lippen. Er war eben ein echter Raucher, der heute nur mal etwas tiefer in die Flasche geschaut hatte. Der Bäcker kniete hinter ihm. Der Aschenbecher stand übervoll auf der befleckten Tischdecke, genau vor der Nase des gerade in Behandlung befindlichen "Klienten". Etliche leere Flaschen lagen kreuz und quer auf dem Boden. Es roch so, wie es aussah.

Für den Bäcker, der die "WBS"-, "Vita Cola"- und "Hafenbräuflaschen" leeren half, war es Ehrensache, als "praktizierender Operateur" einzuspringen und dem Kumpan zu helfen, schließlich kannte er sich mit Fleisch aus - er war zwar Bäcker, arbeitete aber auch in der Kombüse. Jetzt kniete er allerdings auf sehr wackeligen Beinen tief gebeugt hinter seinem "Patienten" und schien tief in dessen Hintern zu schauen, so wie in einen Fernseher. Wer Phantasie besitzt, kann sich leicht vorstellen, dass dieses "Ensemble" auf den ersten Blick einen sehr seltsamen Eindruck auf mich machte. Doch beim genaueren Hinsehen erkannte ich den Sinn - der Bäcker suchte nach Kaktusstacheln, die sich nun im Allerwertesten des Kumpels verteilt befanden. Ausgerechnet, wie sich zu meinem Schreck herausstellte, von Kakteen meiner Sammlung!

Der Kollege setzte sich kurz vorher, jedoch unfreiwillig, auf meine botanische Sammlung, als er versehentlich den Kammereingang verwechselte und in meine Kammer stolperte. Der große Blumenbottich, der sich auf halbem Wege befand, stoppte seinen Lauf. Er musste eine mächtige Schlagseite gehabt haben, denn irgendwie geriet er mit seinem Achtersteven in eine für ihn recht unangenehme Position und havarierte letztendlich mit meinen Kakteen. Ich hatte die Kammer nicht verschlossen, um das Schott auf dem Haken lassen zu können. Ohne Klimaanlage war der geringe Luftzug die einzige Kühlung.

Blumenbottich als Bremse

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Mein selbstgezimmerter Blumenbottich bremste den Taumelnden ruckartig, als er dagegen stieß, sich dabei wohl drehte, um mit dem Podex genau darauf zu landen. Einige wunderschöne Kakteen zerbrachen, rote und gelbe Blüten waren ärgerlicherweise abgebrochen, und der Kollege selbst lag jetzt infolgedessen einige Kammern weiter zu einer "Notbehandlung" auf der Back des Bäckers. Seine Strafe folgte also unmittelbar. Meine Kakteen wehrten sich nämlich, scheinbar instinktiv, mit ihren großen und kleinen Stacheln gegen den "Sitzangriff", so gut sie es konnten. Und sie konnten sich gut wehren, denn am Ende der "Operation" zählten wir unzählige Beweisstücke, große und kleine Stacheln, die wir gemeinsam aus dem Fleisch seines Sitzfleisches bargen. Allerdings schienen Patient und Bäcker, dank vieler flüssiger "Hilfsmittel", gleichermaßen empfindungsfrei.

Das war wohl wieder ein Wink dafür, das die Erfindung von "Weinblattsiegel" und "Hafenbräu" für uns Fahrensleute als überzeugendster Beweis dafür gelten konnte, dass der Meeresgott uns alle liebte und egal, wo wir auch gerade waren, einfach nur glücklich sehen wollte.

Unsere beiden Sünder zeigten die notwendige Ruhe und seemännische Gelassenheit, denn nur dadurch konnten sie nach der gemeinsamen abendlichen Genussfreude das anschließende Übel ertragen, fanden außerdem ja auch noch keine Zeit, um überhaupt an Schmerzen zu denken - jedenfalls nicht zu dieser Stunde.

Beide merkten glücklicherweise davon nicht sehr viel - der Patient nicht die Momente, in denen der Bäcker mal wieder mit der Pinzette, oft volle Kraft daneben, in das Patientensitzfleisch ziepte - der Bäcker nicht die kleinen Bluttröpfchen, die sein übermäßiger Druck auf das Sitzfleisch des Kumpans mit der Pinzettengabel hervorbrachte, weil er selbst nach den abendlichen Genussfreuden noch immer leicht empfindungsarm war. Es war ja auch nicht sein Fleisch und Blut. Mich schmerzte es allein beim Zuschauen. Also gesellte ich mich hinzu und half, die Operation schnell zu Ende zu bringen. Ob wir alle Stachel erwischten? Ich glaube nicht, denn der Patient hatte inzwischen aufgeraucht und wurde ungeduldig und wurde daraufhin "entlassen". Falls noch einige fast unsichtbare Stachel drin blieben, würde der Körper sie sowieso nach außen abstoßen, was er dann auch tat. Am nächsten Morgen und auch noch längere Zeit danach waren die Hinterbacken des "Patienten" an vielen Stellen mit großen und kleinen Rosetten verziert, die in der Mannschaftsdusche regelmäßig und genau registriert werden konnten - solange sie noch zu sehen waren. Viel später, kurz vorm Heimathafen, waren sie immer noch sehr gut zu erkennen. Der Bäcker wusste allerdings am nächsten Tag nichts mehr von den Geschehnissen der letzten Nacht.

Herzlichen Dank an Stephan für seine Kurzgeschichte, die sich 1970 auf
dem MS "Berlin" (1) während einer Hafenliegezeit in Havanna zutrug.

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Grafiken: "ABC_of_Pics", 50.000 lizenzfreie Cliparts, (c) 2006 - Franzis Verlag GmbH, Poing, Germany

"Wehrhafte Kakteen": Seeleute Rostock e.V., August 2011

Mit einem "Veilchen" in japanischem Hospital

Von einem Krankenhausaufenthalt in Yokohama
Für jeden Fahrensmann ist es ein Albtraum, während einer Reise zu erkranken. Andererseits gibt es bekanntlich gerade in Asien Wundermedizin gegen alle Arten von Krankheiten zwischen Syphilis und Rheuma. Man geht dort nicht gleich zum Arzt, sondern zunächst zum Apotheker, der einem tief in die Augen oder gleich auf die betroffene Stelle schaut und nach seiner ihm eigenen Diagnose eine geheimnisvolle, täglich mehrmals zu trinkende Teemischung vermengt, und das Gesundheitsproblem würde dann bald beseitigt sein.

Eine asiatische Apotheke - getrocknete Kräuter und Wurzeln aller Art, hochgestapelt oder von der Decke hängend, riesige Schränke mit kleinen Kästchen, angefüllt mit Blüten, Körnern, getrockneten Seepferdchen und Tigerpenissen und solcherart weiter - das ist der visuelle Eindruck vom Umfeld der Heilkünstler neben den vielen im Raum schwebenden Gerüchen.

Auf eine Frage voller Zweifel antwortete mir ein chinesischer Apotheker in Singapur mit Hinweisen auf die jahrtausendalten Erfahrungen der asiatischen Heilkunst. Erstaunlicherweise befand sich seine Apotheke innerhalb eines gehobenen Singapurer Restaurants. Essen, Schlemmen, Völlegefühl, Verstopfung, und anschließend alles mit Hilfe eines Mittelchens wieder Abführen zu können - hier lebte man gesund, und so erschien mir seine Apotheke an diesem Ort irgendwie als ganz schön praktisch.

Lieber gar nicht erst krank werden...

..., aber wenn es einen doch mal außerhalb Europas erwischen sollte, dann bitte nicht in Afrika oder Südamerika, sondern vielmehr am besten in Asien. Allerdings interessiert es weder den Blinddarm, den Zahnschmerz oder einen Bein- bzw. Armbruch - es kommt, wo es kommt, in irgendeinem Hafen oder gar auf hoher See.

Ein Matrose unserer Besatzung hatte Glück im Unglück, denn sein Blinddarm meldete sich bei den Lösch- und Ladearbeiten direkt in Hongkong. Er musste dringend in ein Krankenhaus eingeliefert werden, um operiert und nachbehandelt zu werden. Seine Reise war somit in Hongkong beendet. Gut abgepasst, denn der nächste Hafen war Whampoa gleich flussaufwärts hinter Hongkong, im roten China, wo es damals moderne medizinische Technik noch nicht gab und die "Kulturrevolution" in vollem Gange war. Insgeheim beneideten wir ein wenig unseren Kameraden um seinen verlängerten Aufenthalt im quirligen, supermodernen Hongkong.

Was damals niemand wissen konnte - auf dieser Reise sollte es einen weiteren Patienten geben ...

In Yokohama passierte es...

Der Kurs unseres Schiffes, der "Freyburg" (vgl. Typ-XD), führte bereits weiter in den Norden nach Yokohama in Japan. Die Temperaturen glichen schnell wieder den europäischen, und viele von uns "Schnupfelten" deshalb. Sofort nach dem Festmachen in Yokohama öffneten wir die Luken für den Lösch- und Ladebetrieb. Dabei behinderte ein Stauholz das Öffnen der Luke 2, und ich griff kurzerhand zur Säge. Auf einmal geriet ein winzigkleiner Sägespan, welcher durch den aufgekommenen Wind hochgewirbelt worden war, in mein linkes Auge. Ein Reflex zwang mich unüberlegt zum Reiben. Das Minispänestück kam aber nicht aus dem Auge heraus, sondern ich drückte es dabei sogar noch durch sämtliche Häute meines Auges. Am nächsten Morgen war es dick geschwollen, und schon am Nachmittag sah es nach gefährlicher Entzündung aus, denn auch Erkältungsviren nutzten inzwischen die Wunde als Eingang in die warmen Gefilde meines Körpers.

Der Makler brachte mich nicht wie zunächst befürchtet nur zum Apotheker, sondern gleich in eine Augenklinik. Für den Augenarzt stand nach der Untersuchung am 24. März 1972 fest, dass entweder schnelle stationäre Behandlung erfolgen sollte oder ein Verlust des Augenlichtes drohe.

Ich packte also meine Plünnen, "musterte ab" und zog samt Seesack in das Hospital um, dem SATO OPTALMIE HOSPITAL, Onrecho 6-90, Yokohama, Tel 68/0839. Vorher musste jedoch den japanischen Einreiseformalitäten Genüge getan und mit Seefahrtsbuch eine behördliche Aufenthaltsgenehmigung beantragt werden. Hätte ich das alles vorher gewusst, wären meine Bartstoppeln abrasiert gewesen, aber Hein Seemann als Seewetterfrosch ist noch lange kein Hellseher. Unrasiert, ziemlich lang behaart und mit einer schwarzen Augenbinde machte ich sicherlich nicht den besten Eindruck auf die Einheimischen. Aber es half nichts, es ging um mein Augenlicht, nicht um eine "Brautschau".

Ein kleines Einzelappartement mit großen Fenstern und einem "Wunderding" im Badezimmer wurde also für die nächste Zeit mein japanisches Zuhause. Das "Wunderding" war eine in den Boden eingelassene Sitzbadewanne, in der man in Fußbodenhöhe bequem wie in einem Sessel saß. Alles - die Einrichtung und das Tempo der Therapie - war selbstredend japanisch, denn sofort und ohne Zeitverzug musste ich in der Klinik zur Behandlung antreten. Hier lief alles nach exaktem Plan - es war wie auf einem Schiff organisiert.

Hautnahes Erlebnis: Der Stellenwert der Hygiene in Japan

Die sorgfältige Gesundheitskunst der Japaner war eine unmittelbare Erfahrung für mich Europäer. Meine nagelneue Augenklappe wurde mit Hilfe einer Holzzange - bloß nicht mit der Augenklappe in Berührung kommen! - sofort und als unhygienisch von einer Schwester entsorgt. Dafür bekam ich eine japanische Augenklappe auf den Mullverband, bestehend aus desinfizierbarem Metall und wie bei einem Sieb mit unzähligen Löchern durchsetzt. "Damit die Wunde atmen kann." Jede zweite Stunde musste ich von nun an in der unteren Etage der Klinik zur Behandlung erscheinen: Augen reinigen, Augentropfen, Spritze über oder neben das Auge und immer wieder gründliche Reinigung der Augenklappe. Mal die Zeit verschlafen oder eine Behandlung auslassen - nicht in Japan! Denn dann klingelte spätestens zwei Minuten nach dem "verpassten" Termin erbarmungslos das Telefon, oder jemand vom Klinikteam erschien sogleich persönlich.

Im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich an den minutiösen Behandlungsrhythmus und an die eiserne Disziplin der Japanerinnen und Japaner, die sogar beim kleinen Schnupfen eine Binde vor Mund und Nase trugen. In Europa unvorstellbar.

Verständigung und Verpflegung gut

Die Konversation in dieser Klinik in Yokohama stellte kein Problem dar. Das Personal sprach auch französisch, englisch und sogar etwas deutsch. Ich bediente mich zumeist meiner Muttersprache, obwohl ich inzwischen ein paar japanische Worte drauf hatte. Zum Beispiel bedankte ich mich nach der täglichen Reinigung des kleinen Appartements oder nach dem Servieren der Speisen in der Landessprache mit "Arigato" (Danke), einer kleinen netten Geste gegenüber den japanischen Krankenschwestern. Nicht alles, was mir serviert wurde, fand den Beifall meiner Geschmacksnerven. Und wenn doch mal Reste auf dem Teller zurückblieben, bedauerte ich es so höflich, wie es in Japan Usus ist - "Gomen Nasai" (Entschuldigung). Allerdings kam das eher selten vor, denn mein Appetit war so gut wie die Kost. Ein japanisches Sprichwort sagt: "Hast du Gift gegessen, iss die Schüssel gleich hinterher." Das aber war bei dem echt guten "Japanisch" zum Glück nicht nötig.

Morgens begann der Tag für mich oft mit Haferflockensuppe, Spiegeleiern, Toast und Obst. Reis dominierte bei den weiteren Mahlzeiten. Kartoffeln gab es oft nur als Gemüsebeilage. Pilze, Eier, Shrimps, Fisch, Geflügel und Schweinefleisch wechselten sich ab oder waren manchmal auch zugleich vertreten. Mehrere unterschiedliche Soßen, die neben den Speisen in kleinen Schüsselchen aufgestellt wurden, sollten dem Essen Geschmack und Note geben - zwischen süß und salzig. "Shoyo" nennen die Japaner ihre Sojasauce, einem schwarzen und mit Salz versetztem Ferment aus Sojabohnen, in der japanischen Küche genauso unentbehrlich wie "Wasabi", dem japanischen Meerrettich, der als Pulver aufgetischt wird. Etwas Shoyo wird mit dem grünlichen Wasabi-Pulver so verrührt, dass seine Schärfe nicht mehr das Wasser in die Augen treibt. Jeder Bissen sollte vor seinem Verzehr in Soßen getunkt werden.

Ob meine Kameraden mich wegen des langen Aufenthaltes in Japan auch ein wenig beneidet hatten? Aber sie wussten nicht, dass ich meine japanische Wohnung auf Zeit aus Hygienegründen nur zum Klinikbesuch verlassen durfte, und die befand sich auch noch im gleichen Gebäude.

Eingeschränkt reisefähig

Langsam besserte sich meine Verletzung, und der Arzt bescheinigte endlich Bewegungsfreiheit, allerdings vermindert und mit der Auflage zu ärztlicher Kontrolle im nächsten Hafen und Weiterbehandlung in der Heimat. Die "Freyburg" war zwischenzeitlich in Korea gewesen, sollte nun Ladung von Kobe nach Europa bekommen und kehrte also bald nach Japan zurück, allerdings in jenen anderen, mehrere hundert Kilometer entfernten Hafen. Ich freute mich natürlich sehr über diese Fügung, denn die Reise mit dem berühmten Shinkansen-Express von Yokohama nach Osaka über Fuji, Nagoya und Kyoto vorbei am berühmten Hamamatsusee samt Weiterfahrt mit der S-Bahn nach Kobe brachte endlich neue Eindrücke und Erlebnisse, und gerade danach war ich nach meiner "Klinikhaft" wie ausgehungert.

Herzlichen Dank an Stephan für seine Erinnerung
in jenen für Japan besonders schmerzlichen Wochen 2011.

"Ein 'Veilchen' in Japan": Seeleute Rostock e.V., März 2011

Hanoi-Ausflug mit Spezialitätenmahl unter Zahnschmerzen

Länger als wir dachten und noch viel mehr Tage als überhaupt geplant dauerte die Liegezeit im zweitgrößten Hafen Vietnams, Haiphong, auch als "Hafen von Hanoi" bezeichnet. Schiffe der DSR, aus Polen und aus der Sowjetunion liefen den Hafen regelmässig an, während des damaligen Kriegszustandes, davor und auch danach. Maschinenteile, Baugerät, Lebensmittel und andere lebenswichtige Güter wurden hier gelöscht. Für die Vertretung unseres Staates, die in der nordvietnamesischen Hauptstadt Hanoi ihr Domizil hatte, brachten wir während einer Asienreise in den 1960er Jahren ein paar Lebensmittel aus der Heimat mit. Große Freude bereiteten wir ihnen mit den lange entbehrten Delikatessen aus der Heimat, die für uns ganz simpel erschienen, aber hier und für unsere Landsleute zu den unerreichbaren heimatlichen Leckerbissen zählten. Schwarzbrot, Thüringer Rostbratwürste, deutsches Bier der Marke "Hafenbräu" und ähnliches. Wir sahen dies natürlich ganz anders, denn wir hatten ja täglich heimische Leckerbissen auf der Back. Ich hätte mich eigentlich mal über asiatische Kost gefreut. Aber so sind wir, was wir gerade nicht haben, das wollen wir - und wenn möglich, dann sofort.

Unsere dortigen Landsleute erwarteten also die Fracht schon ungeduldig. Sie kamen extra mit großem Auto aus Hanoi, fuhren direkt vor das Schiff, um die Fracht abzuholen, in Wirklichkeit wohl auch, weil ihr Vertrauen in die Schnelligkeit der nordvietnamesischen Post auf sehr wackeligen Beinen stand, und von den Leckerlis sollte ja in dem feuchtwarmen Klima nichts verderben. Man hatte hier eben seine Erfahrungen. Wir löschten die Fracht mit unserem Ladegeschirr selbst.

Ein Tagesausflug in die ca. 160 km entfernte Hauptstadt Hanoi, zu dem man uns einlud, war dann Ausdruck ihres Dankes - und durchaus ernst gemeint.

"Austauschköpfe" als Pfand

Einfach war die Ausflugaktion durch die damals strengen vietnamesischen Bestimmungen bestimmt nicht, denn für jeden Seemann, der das Schiff für den Ausflug verlassen wollte, musste eine Person der Vertretung an Bord gehen und dort bis zur Rückkehr der Ausflügler bleiben. Es war sozusagen ein Pfandhandel. Die Kopfzahl musste für die vietnamesischen Behörden rechnerisch stimmen, egal, ob Mann, Frau, oder Kind dahinter steckten.

Am festgelegten Tag stand der "Robur"-Bus der Vertretung mit den Austauschkandidaten vor dem Schiff. Unsere vietnamesischen Landsleute erwartete ein ganzer Schiffstag, für sie endlich ein Tag mit lang vermisster heimatlicher Küche, Kaffee und Kuchen und sogar typisch heimatlichem Abendessen. In der Kombüse gab man sich immer, jetzt aber ganz besondere Mühe. Die kulturelle Umrahmung ihres Schiffsaufenthaltes bildeten eine Schiffsführung und Filme aus der Heimat, die wir zur Gestaltung unseres kulturellen Bordlebens mitführten und selbst auch schon etliche Male angeschaut hatten. Die Filme waren für sie noch brandneu, verkürzten ihnen diesen Tag an Bord.

Unser spannendstes Ausflugserlebnis

Der "Robur"-Bus war kein Luxusgefährt mit Klimaanlage und Klo, dafür aber mit kräftigen und harten Blattfedern, die bei jedem Huckel zu spüren waren. Von denen gab es zwischen Haiphong und Hanoi eine ganze Menge, denn Straßen im europäischem Sinne waren in diesem Teil Nordvietnams offensichtlich noch nicht gebaut. Bei starkem Regen wurden viele Straßen sogar unpassierbar, und Ortschaften, die sie eigentlich mit der Welt verbinden sollten, waren plötzlich von der Außenwelt völlig abgeschnitten, erzählte unser Begleiter. Zum Glück traf uns ein solches Ereignis nicht, es gab zwar Wolken am Himmel, aber manchmal schaute die Sonne freundlich durch. Nach kurzer Fahrtzeit kam schon das erste spannende Ausflugserlebnis: Wir überquerten in schwindelerregender Höhe einen Fluss auf einer Brücke, die aus handgedrehten Seilen und Holzbohlen bestand. Quer und lose waren die Hölzer über die Seile gelegt und erlaubten dem Bus die Passage deshalb nur im Schritttempo. Als die Trageseile der Brücke plötzlich samt Bus und uns - sozusagen dem Inhalt - zu stark schwankten, hielt der Fahrer einfach an, bis die Schwingungen sich allmählich wieder beruhigten. Halten die Seile, oder...? Eine bange Frage, die man sich stellt, wenn man bei solch einer Situation im Bus sitzt, die uns besonders beim Blick auf das geflochtene Seilmaterial schon mal beschäftigte. Aber hier waren vietnamesische Maßstäbe gültig, außerdem klappte alles - wir überlebten es ja. Die Seile hielten… Das würde aber nicht das "letzte" Erlebnis dieses Tages bleiben, denn allen war klar, diese "Brückenpassage" stand uns auf dem abendlichen Rückweg nochmals bevor, andere Straßen oder Wege gab es zu der Zeit noch nicht.

Hanoi - "Stadt innerhalb der Flüsse"

Hanoi - damalige Hauptstadt Nordvietnams, in der Landessprache: Pho Ha Noi, was soviel wie "Stadt innerhalb der Flüsse" bedeutet - (sie liegt zwischen dem Roten Fluss, dem Hoan-Kein-See und dem Ho-Tay = West-See)

Hanoi empfing uns mit dem Lächeln der Sonne. Überall sattes Grün, Parks, alte Bausubstanz verschiedenster Prägungen und das typisch asiatische Stadtbild, denn viele Häuser trugen Pagodendächer. Das alles im hellen Sonnenschein, so prägte sich der Eindruck von der Millionenstadt Hanoi in meine Erinnerung. Die Quirligkeit Hanois ist nicht verwunderlich, denn hier leben verschiedene ethnische Gruppen wie die Thanh, die Pho und die Muong, erfuhren wir. Und jede Völkergruppe hat eigene, voneinander unterschiedliche Traditionen, Bräuche und Gewohnheiten, die gepflegt und gelebt werden. Davon bekamen wir allerdings in der kurzen Zeit nicht viel mit.

Höhepunkte unseres Besuches waren: Eine Stadtbesichtigung, der Besuch der Altstadt mit dem "Viertel der 36 Gassen" und der Besuch des uralten Jade- und des Literaturtempels. Auch die Ein-Säulen-Pagode und natürlich ein Besuch des Revolutionsmuseums standen noch auf dem Programm. Zum Glück reichte die Zeit für die Anzahl der Tempel, Pagoden und Museen nicht - das aber blieb unausgesprochen. Denn direkte und eventuell kritische Bemerkungen, und seien sie noch so harmlos gemeint, kommen in Asien nicht an - man umschreibt es in diplomatischem Stil.

In Vietnam sieht die Straßenverkehrsordnung den Rechtsverkehr vor. Aber alle Verkehrsteilnehmer schienen das noch nicht so genau zu wissen, denn man fuhr einfach dort, wo sich Platz bot. Fahrräder zählten in den 1960er Jahren zu Hauptverkehrsmitteln. (Heute sind es die Mopeds, die sogar auch als Mopedtaxi fungieren. Allerdings gibt es jetzt bei Überladung empfindliche Bußgeldstrafen. Man darf laut Beförderungsordnung max. zwei schwere oder drei leichte Passagiere befördern. Das Gewicht der Passagiere wird scheinbar vom Verkehrspolizisten geschätzt...) Gerne hätte ich damals auch einen Blick ins berühmte Thang Long geworfen, dem jahrhundertealten Wasserpuppentheater, aber der nächste Höhepunkt, das Mittagessen, wartete bereits seit geraumer Zeit in der Vertretung auf uns.

Einige Fettnäpfchen

Auch wenn es jetzt ans Essen ging und wir die Gäste waren, Fettnäpfchen wollten wir natürlich vermeiden. Wir wussten, dass Vietnamesen bei der Begrüßung die rechte Hand des Gegenübers mit beiden Händen umschließen würden, dass kurze Hosen an Männern unerwünscht und schwarze Hosen für Damen tabu waren, denn vietnamesische Frauen tragen schwarze Hosen oft nur während ihrer "unreinen" Tage und würden dann Tempel und Pagoden nicht betreten. Die waren jedoch Bestandteil unserer Stadtbesichtigung in Hanoi. Traditionell ziehen Vietnamesen beim Betreten einer Privatwohnung die Schuhe aus. Ausländern gestatten sie aber, die Schuhe anzubehalten. Aus Höflichkeit zieht man sie am Eingang dann aber doch aus. Alle hatten sich nach der Information über "Fettnäpfchen" auf die landestypischen Besonderheiten eingestellt, allerdings blieb da noch die Sache mit dem Ausziehen der Schuhe... Wir brauchten zum Glück unsere Schuhe nicht ausziehen, es war ja offizielles Gebäude der deutschen Vertretung. Ansonsten wäre es wohl peinlich geworden, denn einige trugen "Sommersocken", das sind die mit den großen Luftlöchern, und andere, wie ich auch, steckten aus Gewohnheit barfuß in den Schuhen, es war ja ein heißes Klima, und mit Zecken mussten wir hier doch nicht rechnen.

Essen und Zahnschmerz

Ein vietnamesischer Koch bereitete das Essen, und wir durften uns deshalb auf die Originalität vietnamesischer Speisen freuen, obwohl man sich bei einigen Häppchen fragte, ob es das war, was man vermutete, oder…? Wir wussten, dass die asiatische Küche gegenüber der europäischen sehr viel mehr verwertet, und dass Speisetabus in Vietnam unbekannt sind. So braucht man sich nicht über Insekten, Schlangen oder gar Hunde im vietnamesischen Speisenangebot wundern, man sollte sich nur vorher informieren. Der vietnamesische Koch wusste hoffentlich, welche Speisen und wie viel "landestypisch" er uns Europäern zumuten konnte.

Wir kamen durch eine große Eingangstür in das Foyer, und es duftete verführerisch. In einem Salon war das Essen für uns auf vielen Tabletts appetitanregend als Büffet angerichtet. Geschmortes Hühnerfleisch, eine Art Rindergulasch, gebackener Fisch, Suppen, Berge von Frühlingsrollen mit unterschiedlichen Füllungen von süß bis scharf und Gemüsen, die in Vietnam nur bissfest gegart werden. Reis oder Reisnudeln werden wahlweise dazu gegessen. Reis und nicht Fleisch oder Fisch ist in Vietnam das Grundnahrungsmittel. Ungewohnt, aber nicht unangenehm der Geschmack des Ingwer, der neben schwarzem Pfeffer und Chili das Hauptgewürz zu sein schien. Alle Ängste und Befürchtungen waren im Nu vergessen, und uns allen lief das Wasser im Mund zusammen - wir spürten einen echten "Bärenhunger". Sowieso war ein original asiatisches Buffet für uns nicht alltäglich. Nachdem wir uns gegenseitig versicherten, dass Fisch-, Geflügel-, Rind- und Schweinefleisch, nicht aber irgendwelche berüchtigte landestypischen Leckerbissen vor uns liegen, ließen wir unserem Appetit freien Lauf.

AUTSCH - plötzlich durchfuhr es mich heftig wie von einem elektrischen Blitz getroffen - einer meiner Backenzähne hatte irgendein Problem und gab ausgerechnet beim lang ersehnten Essen Signal. Auf der Stelle war mir der Appetit verflogen. Ab diesem Moment konnte ich nur noch wie durch Nebel zuschauen, wie die anderen das Mahl genossen haben. Dass ich nicht mehr zulangte, bekam keiner mit, alle waren mit Reinhauen beschäftigt. Erste Hilfe gegen den Zahnschmerz erhielt ich dann doch durch das Personal der Vertretung. Nelken sollte ich kauen, um meinen Zahn zu beruhigen.

Der knackige Nachtisch schmeckte allen, die ihn aßen, obwohl keiner genau wusste, woraus er bestand. Gegrillte, kandierte Insekten, geröstete Grillen in Fruchtzucker...? Egal, alles war wunderschön mit Obst garniert. Es muss geschmeckt haben, denn die übliche Frage "Was ist das?" kam gar nicht nicht auf. Aber das erreichte mich irgendwie nicht, denn ich konnte ja sowieso nicht mehr zubeißen, und die anderen fragten nicht, sie genossen nur und schluckten alles. Hätte ich jetzt laut gefragt, wäre das vielleicht schlagartig anders geworden.

Runtergespült wurde abschliessend mit Tee, zum Glück nicht mit irgendwelchen makabren Aufgüssen, in denen z.B. ganze Schlangen im Alkohol stecken. (Wenn der Alkohol ausgetrunken ist, erfolgt für die Männerrunde ein neuer Aufguss auf den Schlangenkörper. Dies soll die Potenz stärken...) Nein, wir waren mit dem heißen, wohlriechenden Tee vollkommen zufrieden.

Schmerzen weg - Essen weg

Später waren meine Schmerzen verflogen, leider lag das Essen aber auch schon mehr als eine Stunde hinter uns, denn wir saßen nach einer herzlichen Verabschiedung wieder im Bus, nun jedoch in umgekehrter Fahrtrichtung. Jeder hatte Zeit, in sich zu kehren und die Erlebnisse des Tages sacken zu lassen. Die Passage über die "Schaukelbrücke" erregte kein Gemüt mehr. Man war zu müde, um kein Vertrauen zu haben. Einige verschliefen die Überfahrt sogar ganz.

Am Ende des Ausflugstages

Den Fahrer beneideten wir nach der Ankunft am Schiff wirklich nicht, denn der arme Teufel musste nach der anstrengenden Tour bald wieder umkehren und mit den Austauschpersonen der Vertretung nach Hanoi zurückfahren. Lenkzeiten - Fehlanzeige. Aber auch dank ihm war es für uns ein erlebnis- und lehrreicher Ausflug, von dem sich die Erinnerungen regelrecht einbrannten, die noch immer gewärtig sind, trotz ausgefallener Fotos, denn unsere Fotoapparate hatten an Bord zu bleiben, in Spinden verschlossen, von vietnamesischen Behörden versiegelt.

Herzlichen Dank an Stephan für sein Erlebnisbericht vom anderen Ende der Welt. 

"Hanoi mit Zahnweh": Seeleute Rostock e.V., August 2011

Zusammenfassung dreier weiterer Stories von Stephan Bohnsack, Rostock


"See-WehWehen": Seeleute Rostock e.V., Juli 2019

   

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  21.07.2019  
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