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Paul Rohr, Berlin

Aktion Sombrero

Erlebnisse von einer Reise mit MS "Völkerfreundschaft" inklusive karibischer Republikflucht

Der Originaltext vom 4. Dezember 2012 von Päule selbst umfasst 34 (!) A4-Seiten.
Hier nun auch in der lesbaren Fassung aus BORDGESCHICHTEN XIII, 2015


"Un sowat möt mi passiern - up mien letzt Reis!", sagte Kapitän Fritz Leutholdt.

Es war auf einer Ostseereise für STENA-LINE gewesen, auf der Kapitän Leutholdt zum ersten Mal auf unserem Schiff als "Vertreter-Kapitän" fuhr, als wir zwei uns auch gleich bei einem gemeinsamen Erlebnis richtig kennen lernten. Von da an kamen wir sehr gut miteinander klar. Aus dem Kapitän war inzwischen Fritz und aus dem Kulturoffizier Päule geworden, was nichts an unserem Verhältnis zueinander im Dienst änderte.
Und nun, im Sommer 1970, hatte Kapitän Leutholdt an die Direktion der Reederei die Bitte gerichtet, er möchte auf seiner letzten Reise als Kapitän nach Kuba fahren dürfen. Danach würde er aus der DSR ausscheiden und in seiner Heimatstadt Stralsund weiter Dienst tun wollen. Und so fuhren wir im November 1970 gemeinsam gen Kuba.


MS "Völkerfreundschaft" auf einem Bildnis von Marinemaler Mario Hennings, Greifswald
Mit freundlicher Genehmigung | Foto: Paul Rohr, Berlin

Bald bekam man das Gefühl, Petrus oder Neptun, oder sogar beide, waren ihm, dem Kapitän, nicht wohl gesonnen. Kaum hatten wir den Englischen Kanal verlassen, hieß es bei Ushant Wind von vorn. Und so mussten wir die Nase, den Bug, mächtig in den Atlantik tauchen. Damit nicht genug, wir erreichten die Inselgruppe der Azoren bei der Insel Flores am frühen Nachmittag bei starkem Wind. Der hielt an bis zur Insel Santa Cruz, was schon sehr ungewöhnlich war. Gegen 21.30 Uhr musste der Kapitän sogar die Stabis ausfahren lassen, die Stabilisatoren, zwei "Unterwasserflügel", welche durch ihre Gegenbewegung das seitliche Schlingern erheblich vermindern.
So fuhren wir nun schon drei Tage gegenan, keine Aussicht auf anderes Wetter - und das im so genannten Schutz der Azoren!
Am nächsten Tag im offenen Atlantik schrieb der Kapitän in sein "persönliches" Tagebuch: Wind sehr stark, hohe Dünung.
Er legte daraufhin gegen Mittag fest: "Weniger Fahrt machen".
Am nächsten Tag - es war der siebente Reisetag - steht in seinem Tagebuch: Windrichtung von NNW bis WSW und noch mehr Wind.
Im Klartext: Wir fuhren nun bereits über sechs Tage gegenan.
Kann sich der "normale" Mensch an Land vorstellen, was das für einen Urlauber bedeutet, eine Woche nur Schaukelei? Worauf man sich gefreut hat - endlich auszuspannen, sich zu erholen und an Deck im Liegestuhl in der Sonne liegen zu können, nix is. Und das Essen?! Man sagt, rauf schmeckt es nie so gut wie runter. Ist das den Menschen an Land auch klar? So gab es oft bei den Mahlzeiten viel Platz im Speisesaal.
Wir fuhren nun bereits achtundfünfzig Stunden mit dem Kommando "Weniger Fahrt". Auch wer an Land lebt und wer diesen Bericht liest, dem ist sicher klar - die Stimmung unserer Urlauber war schlecht. Übelkeit bei vielen, miese Stimmung bei fast allen.
Und da finden sich dann immer irgendwelche Leute, die alles, aber auch restlos alles immer besser wissen als der Kapitän. Und das, obwohl diese Leute noch nie eine Schiffsreise gemacht haben, natürlich keine Ahnung und Vorstellung von der Führung eines Passagierschiffes haben, aber trinkfest sind.
Und so hatte sich eine Gruppe zusammengefunden, die, sagen wir mal vornehm, stänkerte. Gegen wen? Natürlich gegen den Kapitän und seine gesamte Crew. In so genannten "Diskussionen", die diese Leute führten, lauthals auf den Decks, in der Bar, überall, forderten sie vom Kapitän: "Wir verlangen, dass die verlorene Zeit auf See, die sich ja auf die gesamte Reisezeit auswirken wird, um einen Tag auf Kuba verlängert wird! Sonst!?" Anführer der Gruppe war ein Urlauber, der in Berlin ein privates Taxi-Unternehmen führte, jetzt auf einer Gewerkschaftsreise den "großen Mund" hatte und in der Nachtbar als "feiner Maxe" nur so mit Geld um sich schmiss.
 
Kapitän Leutholdt hatte natürlich sowohl durch uns, seine leitenden Offiziere, als auch durch den Hauptreiseleiter von dieser Gruppe erfahren. In einer gemeinsamen Beratung wurde festgelegt: "Alle Passagiere in den Speisesaal zur Entgegennahme einer Information." Und so kamen sie, wie sie an Deck gelegen hatten, leicht bekleidet, unsere Urlauber. Essengruppe 1 um 9.30 Uhr, Essengruppe II um 10 Uhr. Der Kapitän betrat pünktlich, was sowieso seine Stärke war, den Speisesaal. Anwesend waren der Hauptreiseleiter mit seinen Reisegruppenleitern sowie der Kulturoffizier und der Chefsteward mit seinen drei Oberstewards. Nie werde ich diese eigenartige und spannungsgeladene Situation vergessen. Da steht ein Kapitän in kompletter blauer Uniform mit Schlips und Kragen und vor ihm stehen, sitzen minibekleidete Urlauber und hören gespannt zu.
Der Kapitän: "Meine Damen und Herren! Ich möchte Sie davon in Kenntnis setzen, dass ich als Kapitän das Recht habe, alle Gesetze der DDR voll in Anwendung zu bringen. Ich danke Ihnen!"
Erstaunen allerseits. Und betretenes Schweigen. Der Kapitän geht.
Erst am späten Abend dieses so "außergewöhnlichen" Tages konnten ab 22 Uhr beide Maschinen wieder voll eingesetzt werden.
Am nächsten Morgen, es war der 24. November, Windstärken zwischen 5 und 7, bloß oder immer noch. Dazu kam etwas Neues, was wir auf bisherigen Kuba-Reisen so noch nicht gehabt hatten. Petrus zeigte uns alles, was er hatte oder konnte - Gewitter und Regen. Und noch vier Tage bis nach Kuba. So berieten wir gemeinsam - Reiseleitung und Schiffsleitung - wie soll es weiter gehen hier an Bord und dann auch an Land mit einem Tag weniger Aufenthalt. Der Beschluss lautete: Kulturoffizier Paul Rohr erarbeitet einen Vorschlag für ein "verändertes Landprogramm". Wir befinden uns in einer außergewöhnlichen Lage. Weder der Kapitän noch die Reiseleitung der Gewerkschaft kennen das Land und auch nicht die entsprechenden Bedingungen für ein Landprogramm.
Per Funk geht diese Konzeption nach Havanna. Inhalt: Wir haben bisher durch das schlechte Wetter einen Reisetag verloren. Können jedoch diesen Tag leider nicht länger auf Kuba bleiben, weil unser Schiff planmäßig am 16. Dezember in Rostock vorliegen muss, damit die danach folgenden Reisen nicht gefährdet werden. Trotz des einen Tages weniger Aufenthalt enthält unser Vorschlag, dass alles was vorgesehen war, auch durchgeführt werden soll, wenn auch in veränderter Form. Organisatorisch wäre das aus unserer Sicht möglich.
Es folgte die Bitte um sofortige Bestätigung.
Am späten Abend kam der Anruf vom Kapitän: "Paule, dein Vorschlag ist von der kubanischen Seite angenommen und bestätigt worden."
Zwei Tage standen uns noch bevor, ehe wir Kuba erreichen würden. Um 9.30 Uhr und 10 Uhr riefen wir über den Bordfunk noch einmal die Urlauber in den Speisesaal. Dieses Mal war es der Hauptreiseleiter, der den Passagieren in einer Erklärung mitteilte: "Alles was im Landprogramm vorgesehen ist, wird auch so stattfinden. Obwohl wir einen Tag weniger auf Kuba sein werden haben die kubanischen Freunde unseren Vorschlag, vom Kulturoffizier erarbeitet, bestätigt."
Damit war der Gruppe der Wind aus den Segeln genommen. Die Stimmung der Urlauber war wieder rundum normal und gut, was sicherlich durch das inzwischen einmalig schöne warme Wetter begünstigt wurde.
Und so nähern wir uns der Küste der USA und niemand ahnt, was uns am kommenden Morgen erwartet: SOMBRERO! Unter diesem Decknamen hatten drei Ärzte geplant, diese Schiffsreise zu nutzen, um ihre Heimat zu verlassen.
 
Irgendwie war es diesen Leuten gelungen, mit westlichen Geheimdiensten Verbindung aufzunehmen, denn sie wurden erwartet, obwohl wir 24 Stunden Verspätung hatten. Bereits auf dem Bahnhof von Magdeburg fielen diese drei Männer dadurch auf, dass sie nicht nur laut singend, sondern auch mit einem Sombrero auf dem Kopf den Zug nach Warnemünde bestiegen, um dort an Bord zu gehen.
Nach dem Passieren der Azoren - einem Seegebiet, wo die Temperaturen im allgemeinen ansteigen - freuen sich alle Passagiere in der Regel und sie nutzen die Zeit, sich an Deck, wie man so sagt, ein schönes Plätzchen zu suchen. Da achtet niemand auf den anderen, jeder möchte nur seinen Platz, wenn möglich für die ganze Reise, haben.
Die Drei hatten es verstanden, sich so "aufzuführen", sich so zu "benehmen", dass man sie eben nicht mehr beachtete. Ach, die da mit ihrem etwas anderen und eigenartigen Auftreten und Verhalten.
Sie machten "sportliche" Übungen an der Stelle, von der sie dann auch gesprungen sind. Sie taten so als ob, als wollten sie einfach so irgendwo mitten im weiten Atlantik mal eben über Bord hüpfen. So waren die Drei einfach drei Männer, drei Urlauber, die nun endlich mal Freizeit haben und sich so bewegen können, wie sie möchten und wollen.
Am Freitag, dem 27. November 1970, ist morgens um sechs Uhr bei gutem Wetter die See ruhig. Um 7.34 Uhr ertönt das Signal "Mann über Bord". Der Schiffsrat sitzt beim Frühstück. Der Schreiber dieser Zeilen gehörte als Kulturoffizier ebenfalls zum Schiffsrat. Gefrühstückt wird in der Nachtbar, einem kleinen abgeschlossenen Raum, wo auch kleine dienstliche Angelegenheiten beim Frühstück besprochen werden können.
Wir hatten schon ein "eigenartiges" Brummen gehört, dem jedoch keine weitere Bedeutung beigemessen, weil es hier vor der Küste von Florida normal war, für uns schon dazu gehörte, dass wir von US-Flugzeugen überflogen wurden. Schließlich liefen wir innerhalb der DreiMeilen-Zone der USA, also dicht vor der amerikanischen Küste im Gegenstrom des Golfstromes. Das war für unsere Fahrt günstiger, weil wir mit dem Strom liefen und so Treibstoff sparten. Über uns stand ein großes Flugzeug. "Stand" bedeutet soviel, dass es mit der gleichen Geschwindigkeit, die wir liefen, über uns flog. Dazu kamen zwei kleine Cesnas und auf dem Wasser mehrere kleine, aber schnelle Motorboote.
Die Deutung aus unserer Sicht: Die große Maschine gab den zwei kleinen per Funk Hinweise, wo ein Mensch im Wasser schwimmt. Die Kleinen zeigten es den schnellen Motorbooten und die wiederum holten die Springer aus dem Wasser.
Gesprungen sind sie bei einem Leuchtfeuer. Gesprungen sind drei Ärzte aus Magdeburg und ein BMSR-Techniker, ich weiß nicht, woher er war. Gesprungen sind sie von der Stelle an Bord, an der sie sich die ganze Zeit aufgehalten hatten, von Oberdeck Steuerbord.
Ob es Zusammenhänge, Verbindungen zwischen der Gruppe der Ärzte und dem Techniker gegeben hat, das war uns unbekannt. Unbekannt war uns zu dem Zeitpunkt auch, dass von einem der Ärzte die Ehefrau ebenfalls an Bord mitreiste, jedoch nicht mit ihm zusammen wohnte und es auch keine Kontakte zwischen beiden gegeben hat.
Eine vom Kapitän zusammengestellte Gruppe, bestehend aus dem Hauptreiseleiter, dem Feuerwehroffizier sowie einem weiteren Offizier, hat dann sofort die Kabinen durchsucht. Man wusste schließlich nicht, welche Hinterlassenschaften dort noch lagerten. Erstaunt, sehr erstaunt waren sie darüber, dass der in der Kabine der drei Ärzte tätigen Kabinenstewardess überhaupt nichts aufgefallen war. Passagiere, die auf einer Kubareise ganze 33 Tage unterwegs sind, benötigen doch wohl eine entsprechende Bekleidung. Die Drei hatten kaum etwas an Bekleidung dabei, nur so ein paar Kleinigkeiten. In der Kabine des Technikers, einer Vier-Bett-Kabine, meinten die Mitbewohner, das war ein absoluter Einzelgänger, maulfaul und unzugänglich. In seinem Schrank fand man eine Büchse mit etwa dem Fassungsvermögen einer großen Konservenbüchse, versiegelt mit einem Griff, ähnlich einer Autotür.
 
Diese Büchse wurde vom Feuerwehroffizier sofort durch das Bulleye hinausgeworfen, ohne sie näher zu untersuchen. Angenommen haben wir, dass sich darin ein Farbstoff befand, welcher, wenn er auf die See kommt, zu leuchten beginnt, um so auf die Position eines Menschen im Wasser aufmerksam zu machen.
Die Flugzeuge waren weg, die dazu gehörenden Motorboote ebenfalls. Um uns herum normaler Betrieb. Einige Sportboote, welche anscheinend zum Angeln draußen waren. Auf den Decks war eine Situation entstanden, die man nicht näher beschreiben kann, weil
wir so etwas noch nie erlebt hatten.
Vor allem auf dem Oberdeck, von wo sie gesprungen waren, war die Auf- und Erregung groß. Die Urlauber, die direkt, ganz dicht neben den Dreien, sozusagen Tag und Nacht, mehrere Tage, gelegen hatten, sich mit ihnen unterhalten hatten, die fanden deren Verhalten, dieses Tun von einem Arzt unverständlich. Die früh noch Sekt miteinander getrunken hatten, den die Drei ausgegeben hatten unter dem Motto: In ein paar Stunden ist die Seefahrt vorbei und wir sind an Land, denn wir würden ja am Nachmittag Kuba erreichen.
Der Kapitän hat sofort über Funk unsere Reederei verständigt. Anschließend gab es eine Beratung beim Kapitän, wie in dieser Situation weiter verfahren werden sollte. Der Hauptreiseleiter und der Kulturoffizier haben die Reisegruppenleiter zusammengenommen, und diese haben danach ihre Reisegruppen informiert, denn die Urlauber auf den anderen Decks sowie auf dem Vorschiff hatten ja überhaupt nichts miterlebt und noch weniger begriffen, was geschehen war.
Bei dem Treffen der Reisegruppen meldete sich dann eine Urlauberin und bat, den Kapitän und den Hauptreiseleiter sprechen zu dürfen. Bei diesem Gespräch stellte sie sich vor: "Ich bin die Ehefrau des XYZ, einem der drei Ärzte. Meine Schwiegermutter wollte unbedingt, dass ich an der Reise teilnehme. Sie wollte so versuchen, zu retten, was nicht mehr zu retten war. Glauben Sie mir, die bisherigen Tage waren für mich nicht einfach. Es hat zwischen uns beiden, meinem Mann und mir, hier an Bord kein einziges Gespräch gegeben."
Beide, Kapitän und Hauptreiseleiter, haben ihr dann vorgeschlagen, dass man sie so behandeln würde, wie eine normale Urlauberin. Für diesen Vorschlag war sie sehr dankbar. Unser Schiff lief weiter in US-amerikanischen Hoheitsgewässern, unbehelligt, ungestört von irgendwelchen Behörden, wie zum Beispiel der US-Küstenwache.
An Bord hatte sich inzwischen das Leben wieder "normalisiert". Die Passagiere und die Besatzungsangehörigen, die Freiwache hatten, lagen an Deck in der Sonne. Einige Besatzungsmitgliederhatten ein Radio dabei. Um 13 Uhr Ortszeit meldete man dort im Rundfunk: Vier Menschen ist heute früh gegen 7.30 Uhr vor Miami vom Zonendampfer VÖLKERFREUNDSCHAFT aus Ostdeutschland der Sprung in die Freiheit gelungen.
Als wir nach dem 16. Dezember wieder daheim in Rostock waren, erzählten uns unsere Angehörigen, dass am 27. November, als sich das Manöver SOMBRERO ereignete, die westdeutschen Sender in ihren Abendnachrichten darüber berichtet hatten.
Gegen 15 Uhr kam Havanna in Sicht. Alle standen an Deck, in freudiger Erwartung ihres Urlaubs auf Kuba. Um 16.30 Uhr kletterten die Behörden an Bord. Gesundheitsdienst, Zoll und die Einreisebehörde kamen schon auf Reede und begannen sofort mit der Einklarierung des Schiffes. Genau um 18 Uhr machten wir dann an der Pier SAN FRANCISCO fest. Zwölf Seetage und ein besonderes Vorkommnis lagen hinter uns.
Um 18.15 Uhr kam der Botschafter der DDR auf Kuba an Bord. Die Einklarierung dauerte diesmal besonders lange, und man hatte das Gefühl, die Behörden wussten nicht so recht wie sie sich verhalten sollten.
Inzwischen hatte der Hauptreiseleiter als Repräsentant der Gewerkschaften der DDR seine kubanischen Gäste empfangen, und so konnten wir in Ruhe mit dem kubanischen Reisebüro das Landprogramm besprechen.
 
Der Kulturoffizier war sehr glücklich, weil die kubanischen Partner, seinen, meinen von See gefunkten Vorschlag in allen Teilen bestätigten. Wir konnten wirklich trotz des einen Tages weniger Aufenthalt unseren Urlaubern das volle Programm bieten.
Als um 22.30 Uhr die kubanischen Behörden das Schiff "freigaben", nach immerhin fast acht Stunden Einklarierung, und damit auch der Landgang freigegeben wurde, waren unsere Urlauber nicht mehr zu halten. Sie stürmten an Land. Nun geht's los, nun werden wir Havanna erobern.
Von der Gangwaywache hörte ich dann, es sollen morgens gegen sechs Uhr noch Urlauber vom "Spaziergang" wieder an Bord gekommen sein. Das ist doch wohl mehr als verständlich nach der langen und außergewöhnlichen Überfahrt, oder? Lange Zeit hatten sie auf diese Reise gewartet, gespart. Dazu kam diese nicht gerade angenehme Überfahrt. Und dann kann man sich endlich das anschauen, auf was man s000 lange gewartet hat.
An Bord ging ein arbeitsreicher Tag zu Ende, besonders für den Kapitän. Er hatte sich sofort nach dem Festmachen mit dem Botschafter in seine Kammer zurückgezogen. Am Sonnabend, dem 28. November, begannen die Urlauber mit ihrem Landprogramm, der Kapitän empfing wieder den Botschafter zum "ausführlichen Gespräch", wie er es in seinen Aufzeichnungen nannte. Die Besatzung hatte viel Arbeit, vor allem der Wirtschaftsbereich mit den Brigaden Kabinenstewardessen, Speisesaal, Cafe.
Aus dem Tagebuch des Kapitäns vom darauf folgenden Sonntag:
Temperatur +27 Grad, wieder Gespräch mit der Botschaft.
Die Urlauber waren zufrieden und glücklich über das, was sie erlebten, sowohl bei den Ausflügen als auch beim "persönlichen" Ausgang, wenn sie allein an Land gingen und dann spät oder früh erst wieder an Bord kamen "Ist das schön hier, alles!"
Der Kapitän saß wieder mit dem Botschafter zusammen. Fritz bedauerte ich wirklich. Er wollte doch nur einmal nach Kuba und wollte doch nur einmal etwas von diesem Land "sehen und erleben". Un nu? Nu sitt hei un kann ümmertau 'ne Beratung affholln ...
Tagebucheintrag des Kapitäns vom Donnerstag, dem 3. Dezember:
Donnerstag, 3. Dezember, warten auf die letzten Gäste aus dem Abschlussabend im Tropicana, deshalb Auslaufen 4.30 Uhr statt 3.00 Uhr.
Weiter im Tagebuch des Kapitäns: Neue Route entlang der Nordküste Kubas, Bahama Strom, statt Richtung Florida.
Unsere Heimreise begann. Keiner wusste Bescheid, wo es lang geht. Nur langgediente Besatzungsmitglieder wunderten sich: Wo sind wir denn?
Die Urlauber ruhten, erholten sich, zum einen von den wirklich anstrengenden Tagen des Landprogramms, aber auch vom gestrigen Abend/Nacht-Programm. Hauptsache, die Sonne scheint. Und so fuhren wir entlang der Nordküste Kubas.
Am Freitag, dem 4. Dezember, schreibt der Kapitän in sein Tagebuch:
Immer noch Küste Kuba, Temperaturen 29 Grad C. Keine Erklärung an die Passagiere. Die genießen diese Ruhe und die Temperaturen. 15 UhrNeptun-Taufe, 18 bis 21 Uhr "Sicherungsmaßnahmen", Kurs Ost.
Zu den "Sicherungsmaßnahmen" kann ich nur sagen: Keiner wusste was.
Aus dem Tagebuch des Kapitäns, Samstag 5. Dezember:
Öffnung des Freibades auf dem Oberdeck, Temperaturen 26 Grad C.
 
Telegramme dürfen nur im Notfall verschickt werden, das heißt die Urlauber können nicht, so die Umschreibung, sie dürfen nicht, wenn sie möchten, ein Telegramm nach Hause senden, wie es normalerweise auf einem Passagierschiff möglich ist, auch bisher auf dem unseren. Das war wohl ein Teil der Ergebnisse der Beratungen mit der Botschaft in Havanna.
Am darauffolgenden Sonntag ist der Tag des Gesundheitswesens der DDR. Für die Passagiere verläuft das Bordleben "normal". Für sie haben sich keine nachhaltigen Probleme ergeben, wenn man davon absieht, dass sich einige von ihnen bei ihrem Reiseleiter erkundigt haben, warum denn keine Telegramme verschickt werden dürften.
Wir sind ja nun schon immerhin fünf Tage unterwegs, doch zum Glück ist die Stimmung unserer Urlauber gut und diese komischen Revoluzzer mit dem Taxi-Onkel an der Spitze scheinen sich wirklich abreagiert zu haben. Aus der Sicht des Kulturoffiziers ist das doch das Beste "wo gibt" - zufriedene Urlauber. Es scheint so, als wäre SOMBRERO nie geschehen.
Der Kapitän schreibt in sein Tagebuch:
Sonntag, 13. Dezember, gute Sicht, Frühschoppen, Verabschiedung des 1. Offiziers Großkiags und der!. Kabinenstewardess Ansorg, genannt " Tante Lotti" durch den Kapitän, 13 Uhr Ushant. Heute vormittag hat der Kapitän den Ersten Nautischen Offizier, Herbert Großklags, verabschiedet, der dann als Kapitän in der Flotte weiter Dienst tun wird. Weiterhin hat der Kapitän "Tante Lotti" verabschiedet. Sie hat als Erste Stewardess in der Brigade Kabinenstewardessen gearbeitet. Zu ihrem Bereich gehörten Kapitän, I. Offizier, Leitender Technischer Offizier, Funkoffizier, die jeweils "unter der Brücke" wohnen. Tante Lotti war bereits seit Indienststellung unseres Schiffes 1960 an Bord und wurde nun Rentnerin. Im Passagierbereich gab es keine besonderen Vorkommnisse. Bei einer Zusammenkunft mit den Reisegruppenleitern wurde danach gefragt. Alles okay.
Im Wirtschaftsbereich wird hart gearbeitet. Bäckerei und Kombüse haben viel zu tun, denn morgen Abend ist Abschiedsabend. Wir werden dann schon in der Nordsee sein und hoffentlich ruhige See haben.
Montag, 14. Dezember: Sicht gut, Wind 3-4 aus NW, 6.30 Uhr Feuerschiff St. Daddy im Kanal. Am Nachmittag gab es einen kleinen Empfang beim Hauptreiseleiter. Der Kollege Brandt wollte Dankeschön sagen an einige Offiziere, mit denen er während der Reise zusammen gearbeitet hatte, und ohne diese, wie er es ausdrückte, sehr gute Zusammenarbeit wäre die Reise nicht so erfolgreich gewesen, wie sie nun verlaufen ist.
Am Abschiedsdinner im Speisesaal nahmen die leitenden Offiziere des Schiffsrates zusammen mit dem Hauptreiseleiter teil. Dort wurden dann noch ein paar Worte des Dankes an Schiff und Besatzung gerichtet und dann war Tanz in allen Räumen - im Cafe, im Speisesaal mit "The Kitchenband", im Klubraum mit einem Diskjockey. Somit werden wohl alle Urlauber eine Gelegenheit zu einem Abschiedstanz gefunden haben. Petrus meinte es gut mit uns als Entschädigung für die Hinreise.
Tagebucheintrag des Kapitäns am Dienstag, dem 15. Dezember: Klare Sicht, Wind NW, rund um Dänemark. Stimmung der Passagiere nicht gut, wie im Vulkan. Eigentlich geht die Heimreise ja um Skagen und dann durch den Fehmarn-Belt, wo uns fast immer jemand erwartete. BUNDESGRENZSCHUTZ steht oben in Grün auf ihren Schiffen - und die liefen dann auf beiden Seiten mit bis zur Grenze der DDR. Das wollte man nun in der Reederei oder in höheren Ministerien sicher vermeiden, denn man weiß ja nie.
Wir fuhren also rund um Dänemark, und es war uns, die wir wussten, wo wir liefen, überhaupt nicht wohl dabei. So konnte man die Worte des Kapitäns Leutholdt verstehen von der "nicht guten Stimmung der Passagiere" und "sie werden verscheißert".
Die Brücke und der dort diensttuende Wachoffizier hatte den Auftrag, für die Passagiere Durchsagen zu machen, wo sich das Schiff zur Zeit befindet. "Wir passieren an der Steuerbordseite querab gerade Fehmarn Feuerschiff."
 
Der Kulturoffizier sitzt im Cafe sozusagen auf dem Sprung mit einigen Reisegruppenleitern, falls etwas passieren sollte. Da tritt ein Passagier zu uns an den Tisch: "Kann ich den Kulturoffizier mal an das Fenster bitten?" Wir treten auf der Steuerbordseite im Cafe an ein Fenster und schauen hinaus. "Was du da drüben siehst, Kulturoffizier, das ist nicht Fehmarn Feuerschiff, das ist die Neon-Leuchtreklame von TUBORG. Wir laufen nämlich gerade an Kopenhagen vorbei! Was IHR hier mit uns, den Passagieren, macht, ist eine ausgesprochene Sauerei! Man hält uns für blöd! Wer hat dazu die Weisung gegeben? Der Kapitän doch sicher nicht. Denn ich weiß, die Route geht eigentlich von Skagen durch den Fehmarnbelt. Und ich kenne die Brauerei TUBORG. Glaubt ihr, die Urlauber sind bescheuert und blöd? Paul! Was man mit euch hier macht, ihr tut mir leid! Ich wünsche dir und deinem Schiff nie wieder so eine Reise. Tschüss!"
Der Urlauber war Außenhandelskaufmann und schon öfter "draußen" gewesen. Und wir Zwei hatten uns auf der Reise gern und oft unterhalten.
 
Letzter Tagebucheintrag des Kapitäns:
Mittwoch 16. Dezember 1.30 Uhr dänischer Lotse bei Drogten Fyr, 7.15 Uhr Warnemünder Lotse, 8.30 Uhr fest.
 
Alles stürzt von Bord. Viel Besuch verschiedener Dienststellen betreffs SOMBRERO.
 
Über 30 Jahre später, bei meinem Besuch von Fritz daheim in Stralsund, kamen wir, als er mir das hier oft eingefügte Tagebuch dieser Reise übergab, noch einmal auf diesen Törn zu sprechen. Und er meinte: "Ja, ich hätte mir schon mal soon büschen was gerne angesehen, aber so is dat nu mal - Kaptein is Kaptein." Das drückt in seiner Einfachheit den ganzen Fritz Leutholdt aus.


Danke schön an Päule Rohr für seine Schilderung der Ereignisse und sein Foto!

Hier die Originalschrift und Kpt. Leutholdts Tagebucheinträge


"Aktion Sombrero": Seeleute Rostock e.V., Juli 2013

   

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  30.06.2019  
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