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Stephan Bohnsack, Rostock

Tierisches auf See


Papagei biss Funker

Erschien unter "Papagei beißt Funker" in den "Bordgeschichten IX",
DSR-Seeleute e.V., Freiberg, 2010, www.seeleute.de fremdlink.gif.

slr-sb-papagei.gifSo hätte eine Schlagzeile in der VOLL VORAUS lauten können, hätte die ein BILD-gerechteres Format besessen. Seefahrt war immer aufregend, ließ den Besatzungen sogar freien Raum, kleinen Hobbys zu frönen, wie Basteln, Lesen oder sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Dazu konnten auch Tiere gehören, die irgendwie und in irgendeinem Hafen der Welt an Bord gelangten, der Besatzung lieb wurden und dann mitreisten. Persönlich habe ich auf diese Weise einige Tiere mit Seebeinen kennen gelernt, vom Kätzchen über Hund und Affe bis hin zum bunten Papagei. Gefeit war wohl kaum einer der Seejungs gegen die Anhänglichkeit und die Freude, die diese „Besatzungsmitglieder“ bereiten konnten.

Wir lagen mit der BERLIN (vgl. Typ-IV) wochenlang im Hafen von Havanna und warteten auf Ladung, die aus Zucker für Hamburg bestehen sollte und aus verschiedenen Landesteilen zusammengeholt werden musste. Die Transporte trafen aber nur „tröpfchenweise“ ein. So bekamen wir viel Gelegenheit, die Stadt und ihren berühmten weißen Strand in Santa Maria zu erkunden und auch Menschen kennen zu lernen. Letzteres war das Leichteste. Auf Schritt und Tritt wurden wir auf Tauschgeschäfte angesprochen.

Eines Tages saß er da, mitten auf unserem Schiff, der bunte, kreischende Papagei, Ergebnis eines erfolgreichen Geschäftskontaktes und nun die Sensation an Bord, zu der man gern nach dem Dienst pilgerte. Ein zwei Meter langes Kupferrohr - auf Kuba Mangelware -, war sein Tauschpreis gewesen. Ein Geheimnis, das an Bord jedoch bald jeder kannte und hütete. Der Papagei lebte sich gut ein. Futter bekam er in Unmengen. Jeder brachte bei seinen Besuchen immer etwas Obst mit und an Gesellschaft hatte er so auch keinen Mangel. Jeder wollte sein Freund sein und buhlte oft auf papageiisch um die Aufmerksamkeit des Buntgefiederten. Der tat dabei immer sehr erstaunt. Allerdings liebte er es nicht, wenn man ihm zu nahe auf die Pelle, oder besser auf die Federn rückte. Dann hackte er.
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Eines Tages, an einem Vormittag passierte es. Alle waren mit ihrem Tagewerk beschäftigt, der Papagei schaukelte auf seinem Gestänge in der Sonne, nur unser Funker hatte gerade ein wenig Zeit. Die nutzte er, um dem Papagei seine Referenz zu erweisen. Er war zu dieser Stunde ganz alleine mit dem Buntgefiederten. Der wurde durch das papageiische Kauderwelsch des Funkers aus seiner Lethargie gerissen. „Ein verrückter Kerl“, mochte er sich denken, aber er ließ ihn gewähren. Der Funker freute sich kindisch über seinen plötzlichen papageiischen Wortschatz, den er mit allerlei Grimassen zu verschönern suchte, allerdings wohl selbst nicht deuten konnte. Aber er war ja der Funker – bei dem konnte es sowieso keiner so genau wissen. In seiner Verzückung ging er immer näher an den bunten Vogel heran. Wollte er ihn gar umarmen? Dem Buntgefiederten wurde es jetzt bunter als er selber war. Er kreischte laut, schlug mit den Flügeln und als alles nichts half, setzte er schließlich die Hauptwaffe ein – seinen Schnabel. Damit knackte er sonst spielend Nüsse – jetzt erwischte er den Funker blitzschnell an der Brust und hackte wohl recht kräftig zu. Der erstarrte vor Schreck. Der Schmerz folgte erst etwas später mit der Vorsorgespritze des Schiffsarztes und den blutstillenden, desinfizierenden Tinkturen. Natürlich wusste bald die ganze Besatzung von diesem „Vorkommnis“ und näherte sich dem bunten Gefieder ab sofort mit größtem Respekt. Gottlob, der Schnabel traf den Funker und keine Funkerin.

 

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Herzlichen Dank an Stephan für seine Kurzgeschichte, die sich 1970 auf
der "Berlin" (1), auf der Überfahrt von Havanna nach Hamburg, zutrug.

Grafiken: "ABC_of_Pics", 50.000 lizenzfreie Cliparts, (c) 2006 - Franzis Verlag GmbH, Poing, Germany

"Papagei biss Funker": Seeleute Rostock e.V., Juli 2010


Ein Seekätzchen auf Großer Fahrt

Ebenfalls erschienen in den "Bordgeschichten X",
DSR-Seeleute e.V., Freiberg, 2010, www.seeleute.de fremdlink.gif.

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Mit Tieren an Bord war es schon so eine Sache. Erst wollte sie keiner, dann betätigten sich alle als deren Retter, und nach einer bestimmten Zeit verwöhnte sie ein jeder. Unser Kätzchen in spe, schwarz-weiß gefärbt, hatte sein Revier vor einem der typischen Lagerschuppen im Hafen von Havanna. Ausgehungert, unterernährt, mutterseelenallein und jeden vorbeikommenden Menschen mit lautem Mauzen daran erinnernd, dass sie auch noch auf der Welt und es Zeit für eine Futterspende sei. Sie habe schließlich Hunger. Das Kätzchen schien nicht dumm, denn es postierte sich genau an dem Weg, den jeder Passant des Hafentores auf dem Weg zum Schiff oder zur Arbeit in den Lagerschuppen nehmen musste, so auch die Jungs unseres Schiffes BERLIN (vgl. Typ-IV).

Sturm- und arbeitserprobt wie Seeleute waren, meisterten wir gemeinsam bereits viele kritische Augenblicke auf den Meeren. Und jetzt diese Herausforderung, ein bettelndes, ausgehungertes Kätzchen, ganz alleine in der dunklen Tropennacht. Mit einer solchen Herausforderung hatte nach den lustigen Stunden zwischen Rumba und „Bacardi“ in der „El Conjechito“-Bar keiner gerechnet. Eine Ernüchterung, der die Jungs nicht gewachsen waren. Am nächsten Morgen war das Ergebnis dieser nächtliche Begegnung dann auch für alle Besatzungsmitglieder deutlich sichtbar an Bord anwesend.

„Runter vom Schiff“, so die erste Reaktion des Alten. „Aber nicht in diesem Zustand, wir päppeln sie erst auf“, so unsere heimlichen Gedanken, sozusagen als selbsternannte „Schiffstierpfleger“. Die nautischen Offiziere lebten sowieso in den vorderen Aufbauten, Maschinen- und Deckspersonal aber in den Aufbauten des Achterschiffes. Das Kätzchen bekam hier freien Auslauf, liebevolle Pflege und Futter ohne Ende. Jetzt war auch in ihrem Leben die Sonne aufgegangen. Die Besatzung hatte einen neuen Spielkameraden, zu dem sich später auch noch ein armes Hündchen und ein vorlauter Papagei, diesmal allerdings im Vorschiff, dazugesellten. Der Alte schluckte es. Er übersah und duldete letztendlich diese Menagerie. Die Besatzung tat alles, um die „Seetiere“ gut und reibungslos zu betreuen sowie Belästigungen der mitreisenden Passagiere oder der Seetier-Gegner durch sie zu vermeiden. Artgerechte Haltung, sagt man heute. Damals war uns dieser Begriff noch unbekannt. „Seehund“ und „Seekatze“ machten uns Seeleute glücklich, wenn sie unsere Backskisten zum Schlafen erwählten oder zum Spielen in einer der Kammern erschienen. Wo Trubel war, da waren auch sie. Auch ich freute mich immer über den Besuch der Seetiere.

Die Katze kam während einer bestimmten Zeit immer häufiger zur mir. Ich besaß eine große Kammer für mich und meine Pflanzensammlung ganz alleine und war vielleicht aus Sicht des Kätzchens ein angenehmer Zeitgenosse. Eine große Holzkiste, die ich bis zum Rand mit Blumenerde gefüllt und mit exotischen Pflanzen bepflanzt hatte, stand in der Mitte des Raumes. Bei längeren Liegezeiten und bei anderen sich bietenden Gelegenheiten brachte ich immer irgendwelche Pflänzchen von Land mit, die hier eine neue Heimat finden sollten. Eines Tages bemerkte ich aber ausgerechnet in meiner Kammer einen beißenden, etwas penetranten Geruch. Gammelten irgendwo Lebensmittel oder Früchte? Tagelang suchte ich ergebnislos nach der Ursache, bis ich geheimnisvolle Spuren entdeckte - genau in meiner Blumenkiste. „Artgerecht“ mochte das Kätzchen gedacht haben und versenkte gerade verdautes Futter in einer Kuhle, natürlich mitten in meinen Anpflanzungen und in einem Moment, als ich herein kam.

Jeder sorgte für Tierfutter - wo es aber dann nach der körperlichen Verwertung blieb, darüber machte sich keiner Gedanken. Ab sofort bekam das Kätzchen seine eigene Kiste, angefüllt mit geeignetem Streumaterial. Trotzdem blieb ihre Liebe zu meinem Blumenparadies für den Rest der Reise erhalten, falls ich vergaß, das Schott zu schließen, oder ein Spaßvogel es extra nur anlehnte, was auch einige Male vorkam. Dann entleerte sich das Kätzchen liebevoll inmitten meiner Pflanzen, um sich anschließend auf meiner Backskiste von den Anstrengungen einer Seekatze auf Großer Fahrt zu erholen. Ich verzieh es ihr.

Herzlichen Dank an Stephan für seine Kurzgeschichte, die sich auf der
"Berlin" (1), auf der Überfahrt von Havanna nach Hamburg, zutrug.

Foto: Stephan Bohnsack, Rostock

"Kätzchen auf Seereise": Seeleute Rostock e.V., Februar 2011


Mit Froschschenkeln über den Atlantik

- wie Seeleute zu Feinschmeckern wurden -
Niemals vorher wäre ich auf die Idee gekommen, Froschbeine zu essen, und das sogar noch mit Appetit. Aber, "in der Not frisst der Teufel Fliegen", so lautet ein bekanntes Sprichwort, doch Froschschenkel waren keine Fliegen.

slr-hjm-frosch-li.jpgUnsere Reise nach Kuba sollte drei Monate dauern - also einmal über den Atlantik, Zucker laden und wieder zurück. In Rostock wurden wir dementsprechend und sogar für etwas mehr Reisezeit mit Proviant ausgerüstet, und schon ging es los, zur Zuckerinsel, in die Karibik. In Havanna ankommen, Ladung löschen - alles klappte wie am Schnürchen. Dann wollten wir die süße Ladung für Europa übernehmen, aber damit begannen die Probleme. Der größte Teil der Ladung war noch nicht im Hafen. Den Zucker brachten alte, klapprige Lastautos von der ganzen Insel in den Hafen direkt vor unser Schiff. Entladen, zurückfahren und neue Ladung holen, so war ihr Arbeitsrhytmus. Aber wieviele Lastwagen mussten über die Insel rollen, um den Bauch unseres Schiffes füllen zu können? Es würde auf diese Art noch Monate dauern. Die Rückreise verzögerte sich offensichtlich, bis die Ladung im Schiff komplett war, also fuhren wir ihr entgegen. Ein halber Tag und die Anker gingen auf Reede von Matanzas zu Wasser. Hier wurde die Ladung mit Leichtern an das Schiff gebracht und mit unserem Ladegeschirr übernommen. Alles dauerte, aber uns störte das eigentlich nicht. Karibisches Flair - was könnte da überhaupt stören?

Unser Chefkoch sah das allerdings anders, denn die Vorräte nahmen ab. Seine Kochkunst und überhaupt die ganze Versorgung an Bord waren doch Stimmungsdynamo, und wenn er nichts mehr zu kochen hätte? Die Vorräte an Kartoffeln, Fleisch, Fisch und Gemüse schrumpften, und ihm blieb später, in Havanna, nur noch der Gang zum Schiffsversorger. Nach der Übernahme der Teilladung vor Matanzas ging es nämlich wieder zurück nach Havanna, wo sich inzwischen ein großer Teil der Ladung, aber noch immer nicht der gesamte Rest, zur Übernahme angehäuft hatte. Es würde aber noch weitere Verzögerungen geben. Des Chefkochs Hauptproblem: Wieviel und was soll er einkaufen, wenn doch keiner weiß, wie lange man hier tatsächlich noch brauche, und wann endlich die Rückreise angetreten werden könne. Eine schwere Sache. Das Problem wurde für ihn aber noch größer, als er das Angebot des kubanischen Schiffsversorgers sah, das mit seinen Wünschen und Vorstellungen überhaupt nicht übereinstimmte. Immerhin bestand die Besatzung aus 56 Personen, und laut Küchenrolle sollte er pro Person pro Tag 3.900 kcal bieten.

Kartoffeln und Geflügel und Fleisch gab es beim Schiffsversorger gerade nicht, Fisch auch nur wenig, dafür aber Reis, Gemüse und Obst, allerdings nur strohige, kubanische Orangen, die nicht sehr beliebt waren. Etwas gab es da aber in ausreichender Menge: Schenkel vom Ochsenfrosch...
 
Der Ochsenfrosch - Rana catesbeiana - bekam seinen Namen nicht wegen seiner Größe, sondern wegen seines ochsenähnlichen Gebrülls, das sogar zwei Kilometer weit hörbar sein soll. Die Kopf- und Rumpflänge des Weibchens erreicht bis 20 cm, die Hinterbeinlänge bis 25 cm. Das Männchen ist etwas kleiner.

Ist die Haut erst mal abgezogen und die Unterschenkel entfernt, sehen die Froschbeine, ganz egal ob vom amerikanischen, afrikanischen, oder asiatischen Frosch, wie Geflügel aus, schmecken auch so und sind sogar fast so groß wie Hähnchenschenkel. Ochsenfrösche wurden zu jener Zeit (1970) in Farmen auf Kuba zum Verzehr gezüchtet... Kaufen, oder nicht? Das war jetzt die Frage. Ein Risiko bestand in der eventuellen Ablehnung der Froschbeine durch die Besatzung, aber das musste er in Kauf nehmen, was blieb ihm weiter übrig?

Also gab es an Sonntagen und an Seemannssonntagen (Donnerstag) auf See gebratene, duftende und sehr leckere Keulchen, immer mit Mixreis. Der Reis war nach kubanischer Art mit schwarzen Bohnen gemixt. Individuell wurde er durch uns stark oder manchmal gar nicht gepfeffert und Butter auf ihm zerlassen. So wurde er auch ohne Fleisch zum wahren Feinschmeckererlebnis, auf das der Chefkoch am Ende der Reise stolz war. Zunächst war er aber ganz schön nervös, denn die Froschbeine wurden vorerst von allen sehr skeptisch betrachtet, und als Chefkoch musste er offen zugeben, dass es sich nicht um Geflügel, sondern um Froschfleisch handelte, was da so lecker gebrutzelt, knusprig auf dem Teller lag und sehr angenehmen Duft verbreitete. Franzosen und Italiener wären begeistert, aber die Besatzung bestand nur aus Deutschen, bei denen damals sogar der Mixreis den Hauch des Exotischen hatte. Der Ochsenfrosch als Lebensmittel war bei Deutschen noch nicht angekommen. Hätte er Hähnchenschenkel auf den Speiseplan geschrieben, wäre es kaum jemandem aufgefallen, und ausnahmslos alle hätten Froschfleisch gegessen. Nun aber waren es die Keulen von Ochsenfröschen. Früher, so historische Überlieferungen, aßen die Besatzungen in Notsituationen sogar faules Fleisch, gefangene Ratten usw. und überlebten dennoch, also warum sollten wir jetzt nicht mal Frosch probieren?

Unsere vier Lehrlinge streikten allein bei dem Gedanken, Froschfleisch essen zu sollen. Andere zogen nach, und zuletzt waren es fast zwei Fünftel der Mannschaft, die den Genuss ihrer Froschschenkelration anderen Kameraden überließen. Die Froschbeine wurden also zu "Wanderfroschbeinen", denn sie wanderten jetzt jeden Sonntag und Seemannssonntag weiter auf die Teller von Kameraden, die keine Bedenken beim Verzehr von gebrutzeltem Froschfleisch hatten. Man fragte schon am Morgen herum, wer auf seine Froschbeinration zum Abendessen verzichtet, und reservierte sie für sich. Während sich die einen mit Reis sättigten - es gibt auf Schiffen auch abends warmes Essen - slr-hjm-frosch-re.jpggenossen die anderen bedenkenlos und mit wachsendem Appetit die Froschkeulchen, die echt ganz lecker schmeckten. Allerdings beobachteten die "Froschverweigerer" auch genau die Reaktion der Froschverwerter beim Verzehr, was dazu führte, dass mittlerweile immer mehr Kameraden zu "Froschfressern" wurden, wie die einen die anderen bezeichneten. Erst wurde zaghaft gekostet, dann nahm man ein ganzes Stück, und zuletzt aß man seine Portion alleine. Egal, es schmeckte all denen, die sie Froschkeulchen zu sich nahmen.

Das Fazit dieser Reise, die uns mit Froschbeinen über den Atlantik führte, war, dass sie uns noch lange als weltmännisches Gourmeterlebnis im Gedächtnis blieb. Pech für diejenigen, die gänzlich auf diesen Genuss verzichteten.

Besten Dank an Stephan für seinen Appetitanreger.

Foto: Hans-Jürgen Mathy, Schwerin | Finishing: ABa, Hamburg

"Mit Frosch übern Atlantik": Seeleute Rostock e.V., Januar 2012


Zusammenfassung dreier Stories von Stephan Bohnsack, Rostock


"Tierisches auf See": Seeleute Rostock e.V., Juli 2019

   

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  21.07.2019  
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