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Putins "Schattenflotte"
Wie ein mediales Schreckgespenst entstehen kann

Die Meinung von Schiffsingenieur A.C. Marnau zur „Putins Schattenflotte“

Nach einem erfüllten persönlichen und beruflichen Lebensweg bin ich, nun bereits 90 Jahre alt, immer noch an technischen Weiterentwicklungen und Tendenzen in der Seeschifffahrt interessiert. Auf vielen Schiffen konnte ich dank hervorragender Vorgesetzte erforderliche Berufserfahrungen sammeln. Dazu zählten u.a. auch das Wissen und die im Ereignisfall anzuwendende Kenntnis über die praktische Umsetzung internationaler und nationaler Gesetze und Vorschriften. Die internationale Schifffahrtsorganisation verlangt, dass die Reeder und in deren Auftrag die zuständigen Kapitäne erst ein Schiff in Fahrt setzen dürfen, wenn es klassifiziert ist. Zudem sind sie zwingend zur Einhaltung des International Safety Management Codes der IMO verpflichtet.

Vom zuständigen Staat, erkennbar an der Schrift am Heck und der auszubringenden Nationalflagge, ist die praktische Umsetzung beim Bau und während der gesamten praktischen Einsatzzeit von den zuständigen Seefahrtsbehörden (Seefahrtsämter) und technischen Aufsichtsorganen (Klassifi-zierungsgesellschaften) in festgelegten Zeitintervallen zu kontrollieren und die Ergebnisse zu dokumentieren.

Bei zunehmendem Alter und laufender Nutzung kann ein hoher technischer Verschleiß und Korrosion eintreten. Beträchtlich ansteigenden Kosten für eine Instandsetzung oder Modernisierung können einen kompletten Ersatz notwendig machen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass hier ebenfalls das Verschrotten wie auch bei vielen anderen Erzeugnissen angewendet wird. ndlr-eventin-640x360.jpg
Es ist in der internationalen Seeschifffahrt, so auch in den USA und einigen europäischen Ländern, oft zu erkennen, dass die meist älteren, kurz vor einer Verschrottung stehenden, jedoch immer noch seetüchtigen Schiffe zum Transport von sanktionierten Produkten eingesetzt werden. Denn hohe Gewinne können erwartet werden. Nur am Rande sei angemerkt, dass es im Seehandel, natürlich territorial und zeitlich begrenzt, stets eine Umgehung von Sanktionsmaßnahmen, so auch in der DDR, gegeben hat.

Gegenwärtig möchten die USA und die EU in heiligem Eifer ihren Boykott auf die gesamte Welt ausweiten. Hilfe von der Politik und den Medien lässt nicht lange auf sich warten. Bisher war der Begriff „Schattenflotte“ in der Seeschifffahrt weitgehend unbekannt.

Wahrscheinlich benötigten fachlich fragwürdige und politisch hoch aktive Journalisten einen aufmerksamkeitsfördernden  und damit den Umsatz anstachelnden Begriff. Nun wird dieser fast tagtäglich in den Medien nicht nur von den Reportern sondern auch von vielen Teilnehmern in Gesprächsrunden, Befragungen und Protesten genutzt. Ziel scheint es zu sein, Angst und Schrecken zu verbreiten oder zumindest heftige Empörung zu demonstrieren. Es ist kaum zu ertragen, wenn ständig in verschiedenen Formaten und Sendungen einfach als Behauptung so berichtet wird, als gäbe es unter der Regie des russischen Präsidenten eine riesengroße, staatseigene, natürlich schrottreife Anzahl von Tankschiffen. Als Beweis wird gerne auf den unter der Flagge von Panama registrierten rund 100.000 Tonnen Flüssigladung fassenden Tanker „Eventin“ verwiesen.

Das Schiff befand sich im Frühjahr 2025 in internationalen Gewässern vor der deutschen Ostseeküste. Ein plötzlich und sicherlich unerwartet eingetretener totaler Stromausfall, ein sogenannter „Blackout“, konnte offensichtlich mit Bordmitteln nicht zügig beseitigt werden. Alle Versorgungssysteme, natürlich auch der Hauptantrieb, waren daher funktionsuntüchtig. Wie international üblich und auch von den ehemaligen DDR-Reedereien mehrfach praktiziert, war der Kapitän nunmehr aus der Situation heraus gezwungen, Hilfe durch landseitige Servicefirmen zu suchen. Zwangsläufig muss hierzu ein Nothafen oder ein geschützter Reedeliegeplatz mit Schlepperhilfe angesteuert werden.

Nachdem der Schaden beseitigt, das Schiff also wieder einsatzfähig war, wurde das Schiff vom Zoll festgesetzt; die gesamte Ladung beschlagnahmt. Unter Bezug auf eine sehr zweifelhafte juristische Begründung könnte man auch vom Kapern oder von Piraterie sprechen.

Wie mehrfach zu erfahren war, soll der Besitzer der Ladung ein Grieche sein, der sich mit allen zur Verfügung stehenden juristischen Mitteln gegen dieses beispiellose Vorgehen zur Wehr setzen möchte. Da muss man auch zwischen Sanktionen von Staaten und internationalem Seerecht unterscheiden. Die Sanktionen sind nationales Recht.

Wird das Festsetzen und die Beschlagname von der Justiz als unrechtmäßig angesehen, dann sind bestimmt durch entgangene Frachteinnahmen hohe finanzielle Entschädigungen fällig. Wer zahlt diese? Der Schaden für den guten Ruf der internationalen Schifffahrt dürfte beachtlich sein, und der Beruf des Seemanns wird zunehmend beschädigt.

Von der Redaktion gekürzt.

Hans-Jürgen Mathy / 01.12.2025
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12.12.2025 Nach oben ^

Ein bemerkenswerter Austausch zur "Schattenflotte"

Hallo Hans-Hermann, mich irritierte heute die Bildaussage zu einem Zeitungsbeitrag im Nordkurier/NNN, nach dem Greenpeace marode Öltanker in der Ostsee beklagt, die russisches Rohöl transportieren. Den Beitrag illustriert ein Bild mit gelb-blau-gelber Schornsteinmarke. Ist das etwa die Kennung für die Ukraine, dann wäre es ein Unding, oder ist das die Schornsteinmarke von Valetta oder einer anderen Billigflagge? Allerdings ist das verwendete Foto von März 2022, aber das wäre ja auch schon nach Kriegsbeginn. Zum anderen wäre die Bildaussage zu den russischen Schrottankern nicht aktuell und somit auch falsch. Was meinst Du? Siehe auch die Kopie anbei.

Beste Grüße R e i n e r Frank

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Hallo Reiner,

ich hatte mich bisher nicht mit "Putins Schattenflotte" beschäftigt, weil das doch nur wieder Verdummung ahnungsloser Menschen ist.

An der Schornsteinmarke konnte man nur bei der Sowjetunion, China, Nordkorea, Polen usw. auf die jeweilige Nation schließen. COSCO und China Shipping haben inzwischen neutrale Schornsteinmarken. Hammer und Sichel gibt es nicht mehr. Den sowjetischen Seeleuten, wie auch uns, ist es aber offensichtlich schwergefallen, die gewohnten Schornsteinfarben aufzugeben. Auch die DSR-Befrachter wie Wilfried Seifert haben sich darum bemüht, dass wir unsere alten Farben behalten. In den 90ern habe ich immer noch wieder russische Schiffe gesehen, die unverändert unter Hammer und Sichel zur See fuhren.

Der Name "Putins Schattenflotte" impliziert, dass das russische Schiffe sind. Die Sowjetunion hatte eine Tankerflotte, aber sie hatte nie eine bedeutende. Die Tanker wurden hauptsächlich von der Reederei in Noworossijsk bereedert. Die SU hat sie vor allem zur Versorgung Kubas eingesetzt (die LEONARDO DA VINCI liegt auf der Innenreede von Havanna).

Heute besitzen russische Reedereien wohl vor allem Gastanker.

Es handelt sich bei dieser "Schattenflotte" vor allem um ausländische Schiffe; Schiffe, die von russischen Transportunternehmen gechartert werden. Chartern kann man Tanker vor allem bei westlichen Reedereien, und da vor allem bei griechischen.

Sie verkaufen nicht nur mit diesem Namen die Menschen für dumm. Bei dem gezeigten Schiff handelt es sich offensichtlich um die STAMOS. Wenn man das Schiff als Schrotttanker verkauft, setzt man voraus, dass die Leser nicht einmal erkennen können, dass das Schiff gut gepflegt ist und dass es auch nicht alt ist.

The current position of STAMOS is at West Mediterranean reported 6 min ago by AIS. The vessel is en route to the port of Burgas, Bulgaria, sailing at a speed of 12.7 knots and expected to arrive there on Nov 4, 21:00. The vessel STAMOS (IMO 9592276, MMSI 248148000) is a Crude Oil Tanker built in 2012 (12 years old) and currently sailing under the flag of Malta. (Angabe Shipsspotting). Als einer der letzten Häfen wird Primorsk für das Schiff angegeben.

https://www.marinetraffic.com/de/photos/of/ships/shipid:214607/shipname:STAMOS#4938447
Die internationale Schifffahrt, die immer noch vom Westen bestimmt wird, verlangt, dass ein Schiff klassifiziert, versichert (der größte Schiffsversicherungsmarkt ist immer noch London) und zur Einhaltung des International Safety Management Codes (ISM-Code) auditiert ist. Die STAMOS, die offensichtlich einem griechischen Reeder gehört, ist das garantiert. Das westliche System verhindert nicht, dass klassifizierte Schiffe Schrotteimer sein können. Sie werden auch von Unternehmen aus Europa und den USA für billige Transsporte genutzt. Greenpeace sollte registrieren, dass der unförmige Schornstein der STAMOS darauf hinweist, dass sich dort eine Anlage zur Reinigung der Abgase befindet. Von Schrott kann man bei dem Schiff wahrlich nicht reden.

Die EU und die USA möchten ihren Boykott gerne auf die ganze Welt ausdehnen. Das klappt aber nicht so ganz. Die Dänen brüllen auch gewaltig. Wenn sie der STAMOS die Fahrt durch den Großen Belt verbieten wollen, mit welcher Begründung wollen sie das denn tun?  Das Schiff erfüllt alle Normen der internationalen Schifffahrt.

Das moderne Seevölkerrecht fußt auf dem von Hugo Grotius 1609 erstmals vertretenen Gedanken des freien Meeres (mare liberum), das Zugang für alle bietet. Ihm gegenüber stand die 1635 von John Selden entwickelte Doktrin des mare clausum, nach der die See in Interessensphären verschiedener Staaten unter Ausschluss von Drittstaaten aufgeteilt war. Diese Ansicht konnte sich allerdings nicht durchsetzen. Eine vermittelnde Stellung nahm 1703 Cornelis van Bynkershoek ein. Er ging davon aus, dass im Grundsatz Eigentum am Meer bestehen kann, und zwar so weit, wie die Macht des Staates reicht. Als Grenze sah er die Reichweite der Geschütze an. Die damalige Geschützreichweite entspricht der Drei-Meilen-Zone. Inzwischen ist die Zwölf-Meilen- Zone weit verbreitet. Das verhindert aber nicht die freie Durchfahrt durch Meerengen usw.

Das Verhalten der westlichen Länder zeigt wieder einmal, wie wichtig eine eigene Handelsflotte ist.

Greenpeace zeigt erneut, dass die Organisation schon immer auf Seiten der Amerikaner stand. In diesem Fall ist die Organisation ein williges Werkzeug für die psychologische Kriegsführung der Amerikaner.

Das soll für heute erst einmal genügen.

Viele Grüße Hans-Hermann

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26.06.2026 Nach oben ^

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"Schattenflotte": Seeleute Rostock e.V., 12.12.2025

   

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  27.06.2026  
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