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Wolfgang König, Berlin

Antarktis - Hongkong 2018

Aus der Antarktis nach Hongkong oder

Wie komme ich vom Ende der Welt wieder nach Hause?

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Bis ans Ende der Welt

So, alles ist in Sack und Tüten. Die Reise bezahlt, Reiseroute steht fest, Flugtickets ausgedruckt und der Koffer voll mit warmen Klamotten, es geht - in die Antarktis. Der Flug geht über Rom, Santiago de Chile nach Punta Arenas. Rom, das liegt doch entgegengesetzt, wo ich hin will, und das sehe ich erst jetzt, mit 7,45 Std. Aufenthalt, alleine nur in Rom. Na gut, ich habe gesagt, Flüge nicht zu teuer, was soll es. Nach 25,5 Std. landete ich schließlich hundemüde in der Nacht in Punta Arenas (Patagonien, Chile). Ich sah mich um, aber irgendwie schien niemand auf mich zu warten. Als es nach 1 Std. immer noch so aussah, nahm ich mir erst einmal ein Zimmer. Am nächsten Morgen nahm ich mir dann ein Taxi und fuhr zum Schiff. Welches Schiff? Als ich am Pier ankam, sah ich allerlei schöne Schiffe, aber keine MAGNOLIA. Ich rieb mir die Augen, aber ich sah sie immer noch nicht. An der Pier lagen nur 3 Passagierschiffe. Als ich ziemlich ratlos so rum stand, kam plötzlich jemand auf mich zu und fragte mich, ob ich zu einem Base Change gehöre. Das Wort Base kannte ich bis dahin noch nicht. Mittlerweile stellten wir fest, ich Deutsch - er Niederländisch, und wir verständigten uns auf Deutsch. Und das war auch gut so. Was er jetzt sagte, zog mir die Schuhe aus.

ER: Was willst du hier? ICH: Ich will mit der MAGNOLIA in die Antarktis. ER: Die kommt nicht, stattdessen sind wir hier, MV ORTELIUS, ein Expeditionsschiff. Du musst wieder nach Hause fliegen. ICH: Das ist nicht dein Ernst. Ich fliege nicht ans Ende der Welt, um gleich wieder nach Hause zu fliegen.

Er sah wohl, dass ich kurz davor war, durchzudrehen, und nahm mich erst einmal mit auf’s Schiff. Mittlerweile war es schon 12 Uhr, bei uns 16 Uhr, das Schiff sollte am nächsten Tag gegen 12 Uhr auslaufen, es muss also schnellstens etwas passieren. Es war der Chief Mate, der mich geholt hatte, und nun kam der Kapitän. Die ORTELIUS ist ein niederländisches Expeditionsschiff, einige aus der Crew waren Holländer, und viele davon sprachen etwas Deutsch. Der Kapitän nahm meine Papiere und wollte sich gleich mit Deutschland in Verbindung setzen. Seinen Vorschlag, ich könnte als zahlender Expeditionsgast für schlappe 9.000 € mitkommen. Das hat er wahrscheinlich selbst nicht ernst genommen. Ich saß mit meinem Gepäck im Restaurant und wartete, wartete, wartete. Nach 2 Std. musste ich zum Kapitän. Bevor er mir das Chaos erklärte, sagte er, für mich ändert sich FAST nichts, ich könne bleiben, auch ohne Zuzahlung.

Passiert war folgendes. Geplant war, dass die MAGNOLIA als Versorger zwischen Patagonien, Südafrika und Antarktis unterwegs ist. Danach sollte ich von Punta Arenas oder Kapstadt nach Hause fliegen. Nun stellte sich aber raus, dass kurz vor Weihnachten 5 Bases einen fast kompletten Crew Change wollten. Das geht natürlich mit der MAGNOLIA nicht. Dort können maximal 6 Leute zusätzlich untergebracht werden, und gebraucht werden Unterkünfte für ca. 45 bis 55 Leute. Also wurde die ORTELIUS gechartert. Nun kommt das FAST, die Charterzeit beträgt nur 16 Tage. Dann wird die ORTELIUS wieder zu einem Expeditionsschiff, und ich muss runter. Die Mitarbeiterin in Deutschland bot mir jetzt 2 Optionen an: 1. Ich fliege nach den 16 Tagen wieder nach Hause. Oder 2. Ich fliege von Punta Arenas nach Santiago de Chile, steige auf ein Containerschiff auf, durch den Panama-Kanal nach Sines (Portugal) und von dort mit dem Flieger nach Hause. Natürlich kam für mich nur Option 2 in Frage. Inzwischen war es schon 20 Uhr, und ich konnte endlich meine Kabine beziehen, hier gibt es keine Kammern.

In der Nacht und am nächsten Vormittag kamen immer mehr Change Crews für die 5 Bases, die wir anlaufen werden. 11:30 Uhr hieß es dann, Leinen los. Durch die Magellanstraße und Überqueren der Drake Passage ging es in Richtung Antarktis. Erst einmal wurde hinterfragt, wer denn wohl der kleine, dicke, alte, weißhaarige Mann sei. Aber das war schnell geklärt. Ich wurde sehr freundlich von ihnen aufgenommen und bei vielen, eigentlich bei allen Aktivitäten mit einbezogen oder eingeladen.

Am Ende der Welt

Nach 2 Tagen erreichten wir die Antarktis. Was ich dort sah, verschlug mir schier den Atem. Riesige Eisberge, ein unwahrscheinliches Farbenspiel. Farben, wie ich sie zwar schon im TV sah, aber noch nie in echt. Mal herrscht eine unheilvolle Stille, dann wieder Eisgeräusche, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Und dann die Pinguine. Sie haben einen ganz besonderen Status in der Antarktis und werden extrem geschützt. Sie dürfen weder berührt noch gefüttert werden. Es gibt Gegenden, da dürfen pro Tag nur 3 Kreuzfahrer ankern und pro Schiff nur 60 Personen an Land gehen. Dadurch sind sie unwahrscheinlich zutraulich. Es reicht, wenn man stehen bleibt oder sich hinkniet. Sofort kommen einer oder mehrere auf dich zu. Sie kommen ganz dicht ran, schauen dir direkt in die Augen, als wenn sie sagen wollen - hey, wer bist du denn, lass dich mal anschauen. Du kniest vor einem 1,20 m großen Kaiserpinguin, der schaut dir minutenlang ganz ruhig in die Augen. Irgendwann dreht er sich weg und watschelt seelenruhig weiter. Das ist der Moment, an dem ich mich mein ganzes Leben erinnern werde. Ich hatte leichtsinnigerweise meinen Rucksack auf den Boden gestellt und mich umgedreht. Großer Fehler. Als um mich herum alle zu lachen anfingen, drehte ich mich um und verstand die Heiterkeit. Ein Pinguin wollte unbedingt wissen, was denn der Typ so in seinem Rucksack hat. Mit dem Schnabel stocherte er schon darin rum. Wie kriege ich nun meinen Rucksack wieder, ohne gegen die Bestimmungen zu verstoßen? Wir versuchten alle möglichen Tricks, um ihn abzulenken, damit ich mir meinen Rucksack schnappen konnte. Es dauerte einige Zeit, aber dann hatten wir ihn kurz abgelenkt, und ich hatte meinen Rucksack wieder. Er drehte sich zu mir um, sah mich an, und sein Blick sagte - du alter Spielverderber. Dann watschelte er seelenruhig weiter. Nach ein paar Meter blieb er noch einmal stehen und sah mich an. Ein strafender Blick und er verschwand.

Die Crews, die ausgetauscht wurden, waren in der Regel ein Jahr dort. Umso größer war ihnen die Freude anzusehen, wieder nach Hause zu kommen. Deshalb wurden mit den Zodiaks, die wir hatten, einige Ausflüge an Land gemacht. Immer wurde der German Tourist dazu eingeladen. Auch durfte ich immer mit in die jeweilige Base, die wir anliefen. Bis auf einmal. Eine britische Base durfte ich nicht betreten. Zu Hause erfuhr ich, dass die Base abbruchgefährdet war. Mittlerweile wurde die Base komplett geräumt, da die Gefahr besteht, komplett ins Meer zu stürzen.

Die größte Überraschung für mich kam aber dann zum Ende der Fahrt. Die argentinische Crew wollte, sollte es das Wetter zulassen, was nicht allzu oft vorkommt, in Kap Hoorn stoppen und an Land gehen. Das hätte für mich eine ganz besondere Bedeutung. Mein Opa hat als Schiffszimmermann 4-mal Kap Hoorn auf Rahseglern umrundet. Das hatte ich beim Essen mal erzählt. Deshalb wurde mir ein sicherer Platz im Zodiac versprochen. Auf dem Weg dahin sah es nicht gut aus, viel Wind und hohe Wellen. Aber als wir dann ankamen, hatte sich das Wetter beruhigt, und wir konnten an Land gehen. Gott sei Dank lag nur noch ein kleiner Kreuzfahrer, das Hurtigrutenschiff MS MIDNATSOL, vor Anker. Die anderen sind wohl wegen des schlechten Wetters gleich vorbei gefahren. Auch von der MIDNATSOL wollten nur wenige die steile Holztreppe der Insel erklimmen. Einen anderen Zugang gibt es nicht. Es war für mich bewegend, am Albatros-Denkmal zu stehen, auf die See zu schauen, in die Richtung, wo mein Opa das Kap umrundet hatte.

Manche werden sich über meine Schreibweise - Kap Hoorn - wundern. Das ist (lt. Wikepedia) die deutsche Schreibweise, Kap Hoorn oder Kap Horn, spanisch Cabo de Hornos, englisch Cape Horn, dänisch Kap Horn, niederländisch Kaap Hoorn. Viele Namen für einen Ort.

Auf einmal kam Hektik auf, bei uns und bei den Guides der MIDNATSOL. Sie sammelten im Schweinsgalopp ihre Schäfchen ein. Das Wetter verschlechterte sich urplötzlich, was hier ganz schnell gehen kann. Auch wir bekamen den Befehl - sofort zurück aufs Schiff!

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Und wie wieder nach Hause?

Auf der ORTELIUS angekommen sollte ich sofort zum Kapitän kommen. SOFORT - bei diesem Wort läuteten bei mir schon wieder alle Alarmglocken. Und das zu Recht, wie ich dann feststellen musste. Der Kapitän hatte neue Anweisungen für mich bekommen. Wir fuhren nicht wie geplant nach Punta Arenas, nein, jetzt ging es nach Ushuaia (Argentinien). Damit war der Plan Flug, Schiff, Panama Kanal, Portugal hinfällig. Aber Deutschland hatte wieder einen Plan B für mich. Jetzt sollte ich nach Panama City fliegen. Dort auf ein anderes Container Schiff aufsteigen, Panama-Kanal, Ostküste USA und über England nach Bremerhaven. Na, das klang doch super. Mein US-Visum war gültig bis 2025, die Welt war wieder in Ordnung. Ab in die Kabine und packen. Abends ging es im Bar-Raum hoch her, wo sich die meisten abends trafen, um Abschied zu feiern. Es herrschte Abschiedsstimmung. Am nächsten Tag zum letzten Mal Frühstück, Mittag und Kaffeetrinken. Gegen 18 Uhr sollten wir in Ushuaia (Argentinien) festmachen. Auf einmal sollte ich wieder zum Alten. Mir wurde sofort wieder schlecht. Und wie ich Recht hatte. Ich musste erfahren, dass das neue Schiff plötzlich keinen Passagier mehr mitnehmen wollte. Und wieder hatte ich ein Problem. Und wieder wurde nach einem neuen Plan B gesucht. Durch den Beagle-Kanal ging es weiter in Richtung Ushuaia, und einen neuen Plan B gab es immer noch nicht. Dann, Ushuaia kam schon in Sicht, rief mich ….. nein, nicht der Kapitän, der hatte auf der Brücke zu tun, sondern einer der Guides mit einer guten Nachricht für mich. Es gab einen neuen Plan B. Der sah wie folgt aus. Von Ushuaia mit dem Flieger nach Colon (Panama Kanal), dort auf die SOUTHERN MOANA aufsteigen, durch den Panama-Kanal, durch die Südsee, Neuseeland, Australien nach Hongkong. Sieht gut aus, aber nach den bisherigen Erfahrungen mit Plan B, war ich seeehr skeptisch.

Nachdem wir 9 Uhr morgens in Ushuaia festgemacht hatten, habe ich mich von allen sehr herzlich verabschiedet. Es wartete schon ein Taxi auf mich, um mich zum Flughafen zu bringen.

Das hatte der Kapitän organisiert. Als ich von Bord ging, half mir der Chief Mate himself, er trug meinen Koffer bis zum Taxi. Er dachte sich wohl: "Sicher ist sicher, ich will selber sehen, dass der Typ wirklich ins Taxi steigt." Und der Typ stieg wirklich ein.

Der Taxifahrer bot mir für einen Festpreis noch eine Stadtrundfahrt an. Da ich gut in der Zeit lag, nahm ich gerne an. Er fuhr mich nun kreuz und quer durch die Stadt. Sein Englisch war noch schlechter als meins, mein Spanisch war gleich null, und so habe ich kaum verstanden, was er mir erklärte. Er gab sich viel Mühe, und ich wollte ihn nicht enttäuschen. Also machte ich ein schlaues Gesicht, was ich besonders gut kann, und tat so, als ob ich alles verstehen würde. Nachmittags kam ich dann am Flughafen an. Ich gab ihm ein schönes Trinkgeld, das hatte er sich verdient. Pünktlich startete das Flugzeug dann in Richtung Colon, wo es nach 13 Std. Flug sicher landete.

Epilog mit Prolog

Aus meinem geplanten 6-Wochen-Törn wurde eine zweigeteilte Reise. Der erste Teil, die Antarktis am Ende der Welt, und der zweite Teil ging in die Südsee, klimatisch das ganze Gegenteil. Sommersachen hatte ich nur die, die ich in der Kammer und im Schiff tragen wollte. Schließlich sollte es ja nur in die Antarktis gehen.

Die Antarktis hat sich tief in meinem Inneren eingebrannt. Die Zerbrechlichkeit der Natur, die verschiedensten Farben des Eises und der Eisberge, die unbekümmerte Tierwelt, der schnelle Wechsel des Wetters. Ich hätte Lust, Sea Sheppard beizutreten, um den japanischen Walfängern, die trotz Verbots weiter im Antarktik Wale jagen, den Arsch heiß zu machen.

Ich war beeindruckt von der Herzlich- und der Selbstverständlichkeit, mit der mich die Crew der ORTELIUS und die Base-Mitarbeiter aufgenommen hatten. Ich hatte nie das Gefühl, ein Außenstehender bzw. nicht dazugehörig zu sein, ganz im Gegenteil. Die Base Crews haben mich in alle ihre Aktivitäten einbezogen. Ich fühlte mich integriert und habe dadurch sehr viel gesehen. Mehr als ein "richtiger" Expeditionsreisender, der für so eine Reise locker 10.000 € und mehr hätte hinblättern müssen. Ich habe mich dafür revanchiert, indem ich an verschiedenen Abenden Filme meiner anderen Reisen oder Filme aus unserer Seefahrt zeigte, auch von unseren Typ-IV-Jahrestreffen. Ich war erstaunt, wie voll der Clubraum war, wenn ich die Filme zeigte. Ich hatte ja, obwohl ich nichts dafür konnte, für einen ziemlichen Wirbel an Bord gesorgt. Mit diesen positiven Eindrücken möchte ich das Kapitel Antarktis beenden.

Wie ihr es euch aber denken könnt, ging es im 2. Teil auch nicht ohne Probleme:

  • In Neuseeland besuchte ich die originalen Kulissen aus "Herr der Ringe" und "Der Hobbit", ein Maori-Museumsdorf sowie eine Maori-Mädchenschule, die Folklore-Lieder vorführten.
  • Australien fiel plötzlich weg, also komme ich nie mehr nach Australien.
  • Stattdessen kam Papua Neuguinea dazu, wo ich einen ganzen Tag in einem Papua-Dorf verbrachte und ein Sing-Sing verschiedener Stämme sah.
  • Auf Höhe Jakarta erklärte mir der Second, ich müsse sofort packen und in Jakarta absteigen, das Schiff fährt nicht nach Hongkong. Nach 3 Std., ich war mit dem Packen fast fertig, kam er mit einem strahlenden Gesicht wieder - wir fahren doch nach Hongkong.

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Herzlichen Dank an Wolfgang (MdV) für seine Story mit Bildern!


"Antarktis - Hongkong 2018": Seeleute Rostock e.V., April 2019

   

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  27.04.2019  
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