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Norbert Gertler (gest.), MT "Buna" (1)

Tank 1 - 19

Aus der Bordchronik 1973 - 1976

Im Originaltext


Während einer Bordversammlung, an der auch die an Bord weilende Inspektion aus Rostock teilnahm, wurde uns kurz und knapp mitgeteilt: "Das Schiff (vgl. Tanker - Ankäufe) ist mit eigenen Mitteln, nach der Liegezeit in Kuwait, auf der Fahrt ins Mittelmeer zu entgasen!"

Welche Voraussetzungen waren gegeben?

In der Zeit vom Juli 1973 bis Oktober 1975 wurden mehr als 1,5 Mill. t Erdöl umgeschlagen. Während dieser Zeit wurden die Tanks nicht gewaschen, und es wurde auch kein Ballastwasser gefahren. Unser Ballast bestand immer aus Restladung. Damit waren also alle Voraussetzungen für einen hohen Verschmutzungsgrad der Tanks gegeben.

Nachdem unsere Aufgabe bekannt war, begann die Sichtung der vorhandenen Materialien, wie Pützen, Tankschaufeln, Luftmotor und Galgen. Eine Schütte musste zusätzlich gefertigt werden. Alles wurde in einsatzklaren Zustand versetzt. Mit Hilfe von Außen war nicht zu rechnen, und ein kleiner Hoffnungsschimmer während unserer Liegezeit in Kuwait war um - so schnell, wie er gekommen war. Wir mussten also alle verfügbaren Reserven ausschöpfen, um das Schiff termin- und qualitätsgerecht zu entgasen.

Zu allem kam noch das Handicap, dass nur sehr wenige Genossen schon früher Erfahrungen bei der Reinigung von Tanks gesammelt hatten.

Eine umfangreiche Technologie, zugeschnitten auf die extremen Bedingungen, wurde in Zusammenarbeit von Kapitän, I.NO, Chief, II.NO und dem Bootsmann erarbeitet.

Insgesamt 12 Genossen waren unter der Führung unseres Bootsmanns Kuddel Schmidt als Untertagegang versammelt, als wir am 24.12.1975 06.00 Uhr das erste Mal einstiegen. Es handelte sich um Tank 1 Bb, und uns wurde gleich zu Anfang ein schwerer Brocken vorgesetzt. Zwar war der Tank 12 Std. lang von den Pumpenleute gewaschen worden, aber leider waren da einige Schwierigkeiten aufgetreten, so dass sich noch extrem viele feste Bestandteile im Tank befanden.

Frohen Mutes und mit scherzhaften Ausdrücken auf den Lippen begann unsere Arbeit, nachdem der I.NO Genosse Hoffmann den Tank für gasfrei befunden hatte. Aber schon bald machten sich die ungewohnte Umgebung, die Wärme, die harte Arbeit und auch das wieder aufsteigende Gas bemerkbar. Unkonzentriertheiten häuften sich, und das Arbeitstempo sank. Besonders die beiden Genossen in der ersten Kompart hatten ein schweres Los, da hier ein normales Stechen nicht möglich war, da der Tank spitz zuläuft. Viele Spanten und Versteifungen behinderten sehr stark die Bewegungsfreiheit. In dieser verbauten Kompart hatte sich zudem besonders viel Schlamm angesammelt, da kaum noch Abflussmöglichkeiten vorhanden waren. Abwechselnd tauchten die beiden in die untersten Teile und kratzten den Schlamm mit den Händen zusammen, da an ein Arbeiten mit Schaufel wegen des Platzmangels nicht zu denken war. Das gleiche Schicksal hatten die Genossen an den Saugern. Alle gefüllten Pützen mussten durch den gesamten Tank gereicht werden, da der Ständer für den Galgen über der letzten von sechs Komparten stand.

Total durchgeschwitzt, verdreckt und mit den ersten Wirkungen des wieder aufsteigenden Gases im Kopf wurde die Pause angetreten. Viele Genossen bemerkten erst wieder an Deck, welch köstlicher Stoff doch die frische Luft sein kann.

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Sofort wurde der Tank wieder zwangsbelüftet, um unsere Arbeitsbedingungen in erträglichem Rahmen zu halten.

Die Genossen von der Kombüse hatten inzwischen Milch und ein zweites Frühstück bereitgestellt, das auch gleich auf dem Tankdeck eingenommen wurde. Schon da stellte sich jedoch bei einigen Genossen mangelnder Appetit ein, und manch finsterer Blick traf den Tank.

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Und das war erst der Anfang. Nachmittags gegen 15.00 Uhr wurden die letzten Pützen an Deck gehievt. Ein spürbares Aufatmen war bei allen Genossen zu vernehmen, als der erste Tank verlassen wurde.

Aber noch lagen 18 Tanks vor uns.

Die Pumpenleute Genosse Tamm und Genosse Giera arbeiteten jeder 8 Std. rund um die Uhr, um den nötigen Vorlauf für uns zu schaffen. Dabei wurden sie zeitweilig von den Wachsmatrosen beim Versetzen der Tankwaschschläuche unterstützt.

Täglich wurden die Genossen, die den Luftmotor fuhren, gewechselt, und täglich wurden auch die Genossen getauscht, die die Pützen zur Schütte an der Reling trugen.

Während der gesamten Zeit des Tankwaschens und -reinigens bestand striktes Alkoholverbot für die gesamte Besatzung. Und das gerade war die Zeit der Weihnachtsfeiertage, über Silvester und Neujahr. Harte Worte mussten fallen, weil einige Genossen die Notwendigkeit dieser Maßnahme unseres Kapitäns, die nur zu unser aller Sicherheit erlassen wurde, nicht einsahen.

Diese tagtägliche harte physische und psychische Belastung der Genossen zeigte bald ihre Auswirkungen. Keiner hat gezählt, wie oft das berühmte Wort aus dem "Götz von Berlichingen" ausgesprochen wurde. Keiner hat die stillen Flüche jedes Einzelnen gezählt. Aber sobald Depression aufkommen wollte, wurde das Kollektiv wirksam. Das ging soweit, dass es für richtig befunden wurde, einen gerade neu eingestellten Genossen von der weiteren Arbeit im Tank zu befreien, obwohl jede Hand gebraucht wurde.

Wie gut das Kollektiv gearbeitet hat, soll auch aus Folgendem deutlich werden. Bei allen Seitentanks lagen die Hievkomparten stets am Ende des Tanks, so dass alle Pützen durch den ganzen Tank gereicht werden mussten. Man machte sich Gedanken, und nach den ersten Anregungen baute unser Storekeeper Genosse Rabe eine zweite Galgenhalterung, die auf einen Butterworth-Deckel aufgeschweißt wurde. Nun konnte auch durch den Einstiegdom der Seitentanks gehievt werden, wodurch sich der Transportweg im Tank um die Hälfte verringerte.

Ein Engpass der Arbeit war das Hieven der gefüllten Pützen. Obwohl die Genossen Wolf, Arnold und Gertler den ganzen Tag mit voller Konzentration den Motor betätigten, standen stets mehrere

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gefüllte Pützen im Tank. Zeitweise verringerte sich auch die Anzahl der Behälter, da der Materialverschleiß seinen Tribut forderte. Da kam man auf den Gedanken, Farbwannen, die in größerer Anzahl vorhanden waren, zum Transport einzusetzen. Dadurch konnte die Behälterkapazität fast verdoppelt werden, und ein noch schnellerer Arbeitsablauf war gewährleistet.

Diese Maßnahmen trugen genauso zur Steigerung der Arbeitsmoral bei wie die aufmunternden Worte des Kapitäns Genossen Heinlein und die kluge Einteilung der Arbeit durch den Bootsmann. Unverkennbar war auch der Aufschwung, wenn es gelang, zwei Tanks am gleichen Tag zu reinigen. Da wurde nicht auf die Uhr gesehen, da wurde auch noch in der Dunkelheit mit einer Dynamolampe mit Luftantrieb weiter im Tank Kompart für Kompart gereinigt. So war eine tägliche Arbeitszeit von 12 Stunden und mehr keine Seltenheit.

Doch so wie alles Gute hat auch alles weniger Gute mal ein Ende.

Am 05.01.1976 gegen 14.00 Uhr war es soweit, die letzte Pütz wurde an Deck gehievt. Nun sah man wieder lachende Gesichter.

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Langsam wich die Spannung der letzten 13 Tage von den Genossen.

Nach der provisorischen ersten Reinigung mit Diesel wurden im Smoketime-Raum die ersten gekühlten Bierflaschen geöffnet, die unser Kapitän unter allgemeinem Beifall spendiert hatte. Er sprach allen beteiligten Genossen seinen Dank und seine Anerkennung aus über die hervorragend geleistete Arbeit. Innerhalb von 13 Tagen war es uns gelungen, ca. 350 bis 400 t Ölrückstände, Dreck, Schlamm und Rost aus 19 Tanks zu beseitigen. Gleichzeitig unterboten wir die geplante Zeit um 48 Std. Auf diese Leistung können alle Beteiligten mit Recht stolz sein.

In den ersten Stunden und Tagen danach wurden in den Gesprächen diese 13 Tage nochmals wach. Tank 6 Mitte wurde einstimmig zum am stärksten verschmutzten Tank gewählt. Erwähnt wurde das ständige Umsetzen des schweren Luftmotors von einem Tank zum anderen, ebenso wie die stark verschmutzte Kleidung, die nach dreitägiger Arbeit nicht mehr zu benutzen war. Und nicht zuletzt wurde über unsere Kombüse gesprochen, die es sehr gut verstanden hatte, uns zu jeder Zeit mit Speisen und kühlen Getränken zu versorgen.

Aus allem bisher geschriebenen wird eines deutlich: Eine relativ neue Besatzung wuchs unter bewährter Führung zu einem Kollektiv zusammen, das sich an der gestellten Aufgabe zu steigern wusste.

gez. Norbert Gertler (gest.)      

Dank an die schreibende Mannschaft des MT "Buna" und an den Bewahrer der Bordchronik!


Fotos: Bordfotozirkel MT "Buna" (1)


"Tank 1 - 19": Seeleute Rostock e.V., Januar 2012

   

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  06.01.2015  
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