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Stephan Bohnsack, Rostock

Mit Froschschenkeln über den Atlantik

- wie Seeleute zu Feinschmeckern wurden -

Unser Internet-Kurztitel: Mit Frosch über'n Atlantik


Niemals vorher wäre ich auf die Idee gekommen, Froschbeine zu essen, und das sogar noch mit Appetit. Aber, "in der Not frisst der Teufel Fliegen", so lautet ein bekanntes Sprichwort, doch Froschschenkel waren keine Fliegen.

slr-hjm-frosch-li.jpgUnsere Reise nach Kuba sollte drei Monate dauern - also einmal über den Atlantik, Zucker laden und wieder zurück. In Rostock wurden wir dementsprechend und sogar für etwas mehr Reisezeit mit Proviant ausgerüstet, und schon ging es los, zur Zuckerinsel, in die Karibik. In Havanna ankommen, Ladung löschen - alles klappte wie am Schnürchen. Dann wollten wir die süße Ladung für Europa übernehmen, aber damit begannen die Probleme. Der größte Teil der Ladung war noch nicht im Hafen. Den Zucker brachten alte, klapprige Lastautos von der ganzen Insel in den Hafen direkt vor unser Schiff. Entladen, zurückfahren und neue Ladung holen, so war ihr Arbeitsrhytmus. Aber wieviele Lastwagen mussten über die Insel rollen, um den Bauch unseres Schiffes füllen zu können? Es würde auf diese Art noch Monate dauern. Die Rückreise verzögerte sich offensichtlich, bis die Ladung im Schiff komplett war, also fuhren wir ihr entgegen. Ein halber Tag und die Anker gingen auf Reede von Matanzas zu Wasser. Hier wurde die Ladung mit Leichtern an das Schiff gebracht und mit unserem Ladegeschirr übernommen. Alles dauerte, aber uns störte das eigentlich nicht. Karibisches Flair - was könnte da überhaupt stören?

Unser Chefkoch sah das allerdings anders, denn die Vorräte nahmen ab. Seine Kochkunst und überhaupt die ganze Versorgung an Bord waren doch Stimmungsdynamo, und wenn er nichts mehr zu kochen hätte.? Die Vorräte an Kartoffeln, Fleisch, Fisch und Gemüse schrumpften, und ihm blieb später, in Havanna, nur noch der Gang zum Schiffsversorger. Nach der Übernahme der Teilladung vor Matanzas ging es nämlich wieder zurück nach Havanna, wo sich inzwischen ein großer Teil der Ladung, aber noch immer nicht der gesamte Rest, zur Übernahme angehäuft hatte. Es würde aber noch weitere Verzögerungen geben. Des Chefkochs Hauptproblem: Wieviel und was soll er einkaufen, wenn doch keiner weiß, wie lange man hier tatsächlich noch brauche, und wann endlich die Rückreise angetreten werden könne. Eine schwere Sache. Das Problem wurde für ihn aber noch größer, als er das Angebot des kubanischen Schiffsversorgers sah, das mit seinen Wünschen und Vorstellungen überhaupt nicht übereinstimmte. Immerhin bestand die Besatzung aus 56 Personen, und laut Küchenrolle sollte er pro Person pro Tag 3.900 kcal bieten.

Kartoffeln und Geflügel und Fleisch gab es beim Schiffsversorger gerade nicht, Fisch auch nur wenig, dafür aber Reis, Gemüse und Obst, allerdings nur strohige, kubanische Orangen, die nicht sehr beliebt waren. Etwas gab es da aber in ausreichender Menge: Schenkel vom Ochsenfrosch...
 
Der Ochsenfrosch - Rana catesbeiana - bekam seinen Namen nicht wegen seiner Größe, sondern wegen seines ochsenähnlichen Gebrülls, das sogar zwei Kilometer weit hörbar sein soll. Die Kopf- und Rumpflänge des Weibchens erreicht bis 20 cm, die Hinterbeinlänge bis 25 cm. Das Männchen ist etwas kleiner.

Ist die Haut erst mal abgezogen und die Unterschenkel entfernt, sehen die Froschbeine, ganz egal ob vom amerikanischen, afrikanischen, oder asiatischen Frosch, wie Geflügel aus, schmecken auch so und sind sogar fast so groß wie Hähnchenschenkel. Ochsenfrösche wurden zu jener Zeit (1970) in Farmen auf Kuba zum Verzehr gezüchtet... Kaufen, oder nicht? Das war jetzt die Frage. Ein Risiko bestand in der eventuellen Ablehnung der Froschbeine durch die Besatzung, aber das musste er in Kauf nehmen, was blieb ihm weiter übrig?

Also gab es an Sonntagen und an Seemannssonntagen (Donnerstag) auf See gebratene, duftende und sehr leckere Keulchen, immer mit Mixreis. Der Reis war nach kubanischer Art mit schwarzen Bohnen gemixt. Individuell wurde er durch uns stark oder manchmal gar nicht gepfeffert und Butter auf ihm zerlassen. So wurde er auch ohne Fleisch zum wahren Feinschmeckererlebnis, auf das der Chefkoch am Ende der Reise stolz war. Zunächst war er aber ganz schön nervös, denn die Froschbeine wurden vorerst von allen sehr skeptisch betrachtet, und als Chefkoch musste er offen zugeben, dass es sich nicht um Geflügel, sondern um Froschfleisch handelte, was da so lecker gebrutzelt, knusprig auf dem Teller lag und sehr angenehmen Duft verbreitete. Franzosen und Italiener wären begeistert, aber die Besatzung bestand nur aus Deutschen, bei denen damals sogar der Mixreis den Hauch des Exotischen hatte. Der Ochsenfrosch als Lebensmittel war bei Deutschen noch nicht angekommen. Hätte er Hähnchenschenkel auf den Speiseplan geschrieben, wäre es kaum jemandem aufgefallen, und ausnahmslos alle hätten Froschfleisch gegessen. Nun aber waren es die Keulen von Ochsenfröschen. Früher, so historische Überlieferungen, aßen die Besatzungen in Notsituationen sogar faules Fleisch, gefangene Ratten usw. und überlebten dennoch, also warum sollten wir jetzt nicht mal Frosch probieren?

Unsere vier Lehrlinge streikten allein bei dem Gedanken, Froschfleisch essen zu sollen. Andere zogen nach, und zuletzt waren es fast zwei Fünftel der Mannschaft, die den Genuss ihrer Froschschenkelration anderen Kameraden überließen. Die Froschbeine wurden also zu "Wanderfroschbeinen", denn sie wanderten jetzt jeden Sonntag und Seemannssonntag weiter auf die Teller von Kameraden, die keine Bedenken beim Verzehr von gebrutzeltem Froschfleisch hatten. Man fragte schon am Morgen herum, wer auf seine Froschbeinration zum Abendessen verzichtet, und reservierte sie für sich. Während sich die einen mit Reis sättigten - es gibt auf Schiffen auch abends warmes Essen - slr-hjm-frosch-re.jpggenossen die anderen bedenkenlos und mit wachsendem Appetit die Froschkeulchen, die echt ganz lecker schmeckten. Allerdings beobachteten die "Froschverweigerer" auch genau die Reaktion der Froschverwerter beim Verzehr, was dazu führte, dass mittlerweile immer mehr Kameraden zu "Froschfressern" wurden, wie die einen die anderen bezeichneten. Erst wurde zaghaft gekostet, dann nahm man ein ganzes Stück, und zuletzt aß man seine Portion alleine. Egal, es schmeckte all denen, die sie Froschkeulchen zu sich nahmen.

Das Fazit dieser Reise, die uns mit Froschbeinen über den Atlantik führte, war, dass sie uns noch lange als weltmännisches Gourmeterlebnis im Gedächtnis blieb. Pech für diejenigen, die gänzlich auf diesen Genuss verzichteten.

Besten Dank an Stephan Bohnsack für seinen Appetitanreger.


Fotos: Hans-Jürgen Mathy, Schwerin | Finishing: ABa, Hamburg
"Mit Frosch über'n Atlantik": Seeleute Rostock e.V., Januar 2012

   

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  06.01.2015  
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