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Stephan Bohnsack, Rostock

Vietnam

Hanoi-Ausflug mit Spezialitätenmahl unter Zahnschmerzen

Unser Internet-Kurztitel: Hanoi mit Zahnweh


Länger als wir dachten und noch viel mehr Tage als überhaupt geplant dauerte die Liegezeit im zweitgrößten Hafen Vietnams, Haiphong, auch als "Hafen von Hanoi" bezeichnet. Schiffe der DSR, aus Polen und aus der Sowjetunion liefen den Hafen regelmässig an, während des damaligen Kriegszustandes, davor und auch danach. Maschinenteile, Baugerät, Lebensmittel und andere lebenswichtige Güter wurden hier gelöscht. Für die Vertretung unseres Staates, die in der nordvietnamesischen Hauptstadt Hanoi ihr Domizil hatte, brachten wir während einer Asienreise in den 1960er Jahren ein paar Lebensmittel aus der Heimat mit. Große Freude bereiteten wir ihnen mit den lange entbehrten Delikatessen aus der Heimat, die für uns ganz simpel erschienen, aber hier und für unsere Landsleute zu den unerreichbaren heimatlichen Leckerbissen zählten. Schwarzbrot, Thüringer Rostbratwürste, deutsches Bier der Marke "Hafenbräu" und ähnliches. Wir sahen dies natürlich ganz anders, denn wir hatten ja täglich heimische Leckerbissen auf der Back. Ich hätte mich eigentlich mal über asiatische Kost gefreut. Aber so sind wir, was wir gerade nicht haben, das wollen wir - und wenn möglich, dann sofort.

Unsere dortigen Landsleute erwarteten also die Fracht schon ungeduldig. Sie kamen extra mit großem Auto aus Hanoi, fuhren direkt vor das Schiff, um die Fracht abzuholen, in Wirklichkeit wohl auch, weil ihr Vertrauen in die Schnelligkeit der nordvietnamesischen Post auf sehr wackeligen Beinen stand, und von den Leckerlis sollte ja in dem feuchtwarmen Klima nichts verderben. Man hatte hier eben seine Erfahrungen. Wir löschten die Fracht mit unserem Ladegeschirr selbst.

Ein Tagesausflug in die ca. 160 km entfernte Hauptstadt Hanoi, zu dem man uns einlud, war dann Ausdruck ihres Dankes - und durchaus ernst gemeint.

"Austauschköpfe" als Pfand

Einfach war die Ausflugaktion durch die damals strengen vietnamesischen Bestimmungen bestimmt nicht, denn für jeden Seemann, der das Schiff für den Ausflug verlassen wollte, musste eine Person der Vertretung an Bord gehen und dort bis zur Rückkehr der Ausflügler bleiben. Es war sozusagen ein Pfandhandel. Die Kopfzahl musste für die vietnamesischen Behörden rechnerisch stimmen, egal, ob Mann, Frau, oder Kind dahinter steckten.

Am festgelegten Tag stand der "Robur"-Bus der Vertretung mit den Austauschkandidaten vor dem Schiff. Unsere vietnamesischen Landsleute erwartete ein ganzer Schiffstag, für sie endlich ein Tag mit lang vermisster heimatlicher Küche, Kaffee und Kuchen und sogar typisch heimatlichem Abendessen. In der Kombüse gab man sich immer, jetzt aber ganz besondere Mühe. Die kulturelle Umrahmung ihres Schiffsaufenthaltes bildeten eine Schiffsführung und Filme aus der Heimat, die wir zur Gestaltung unseres kulturellen Bordlebens mitführten und selbst auch schon etliche Male angeschaut hatten. Die Filme waren für sie noch brandneu, verkürzten ihnen diesen Tag an Bord.

Unser spannendstes Ausflugserlebnis

Der "Robur"-Bus war kein Luxusgefährt mit Klimaanlage und Klo, dafür aber mit kräftigen und harten Blattfedern, die bei jedem Huckel zu spüren waren. Von denen gab es zwischen Haiphong und Hanoi eine ganze Menge, denn Straßen im europäischem Sinne waren in diesem Teil Nordvietnams offensichtlich noch nicht gebaut. Bei starkem Regen wurden viele Straßen sogar unpassierbar, und Ortschaften, die sie eigentlich mit der Welt verbinden sollten, waren plötzlich von der Außenwelt völlig abgeschnitten, erzählte unser Begleiter. Zum Glück traf uns ein solches Ereignis nicht, es gab zwar Wolken am Himmel, aber manchmal schaute die Sonne freundlich durch. Nach kurzer Fahrtzeit kam schon das erste spannende Ausflugserlebnis: Wir überquerten in schwindelerregender Höhe einen Fluss auf einer Brücke, die aus handgedrehten Seilen und Holzbohlen bestand. Quer und lose waren die Hölzer über die Seile gelegt und erlaubten dem Bus die Passage deshalb nur im Schritttempo. Als die Trageseile der Brücke plötzlich samt Bus und uns - sozusagen dem Inhalt - zu stark schwankten, hielt der Fahrer einfach an, bis die Schwingungen sich allmählich wieder beruhigten. Halten die Seile, oder...? Eine bange Frage, die man sich stellt, wenn man bei solch einer Situation im Bus sitzt, die uns besonders beim Blick auf das geflochtene Seilmaterial schon mal beschäftigte. Aber hier waren vietnamesische Maßstäbe gültig, außerdem klappte alles - wir überlebten es ja. Die Seile hielten… Das würde aber nicht das "letzte" Erlebnis dieses Tages bleiben, denn allen war klar, diese "Brückenpassage" stand uns auf dem abendlichen Rückweg nochmals bevor, andere Straßen oder Wege gab es zu der Zeit noch nicht.

Hanoi - "Stadt innerhalb der Flüsse"

Hanoi - damalige Hauptstadt Nordvietnams, in der Landessprache: Pho Ha Noi, was soviel wie "Stadt innerhalb der Flüsse" bedeutet - (sie liegt zwischen dem Roten Fluss, dem Hoan-Kein-See und dem Ho-Tay = West-See)

Hanoi empfing uns mit dem Lächeln der Sonne. Überall sattes Grün, Parks, alte Bausubstanz verschiedenster Prägungen und das typisch asiatische Stadtbild, denn viele Häuser trugen Pagodendächer. Das alles im hellen Sonnenschein, so prägte sich der Eindruck von der Millionenstadt Hanoi in meine Erinnerung. Die Quirligkeit Hanois ist nicht verwunderlich, denn hier leben verschiedene ethnische Gruppen wie die Thanh, die Pho und die Muong, erfuhren wir. Und jede Völkergruppe hat eigene, voneinander unterschiedliche Traditionen, Bräuche und Gewohnheiten, die gepflegt und gelebt werden. Davon bekamen wir allerdings in der kurzen Zeit nicht viel mit.

Höhepunkte unseres Besuches waren: Eine Stadtbesichtigung, der Besuch der Altstadt mit dem "Viertel der 36 Gassen" und der Besuch des uralten Jade- und des Literaturtempels. Auch die Ein-Säulen-Pagode und natürlich ein Besuch des Revolutionsmuseums standen noch auf dem Programm. Zum Glück reichte die Zeit für die Anzahl der Tempel, Pagoden und Museen nicht - das aber blieb unausgesprochen. Denn direkte und eventuell kritische Bemerkungen, und seien sie noch so harmlos gemeint, kommen in Asien nicht an - man umschreibt es in diplomatischem Stil.

In Vietnam sieht die Straßenverkehrsordnung den Rechtsverkehr vor. Aber alle Verkehrsteilnehmer schienen das noch nicht so genau zu wissen, denn man fuhr einfach dort, wo sich Platz bot. Fahrräder zählten in den 1960er Jahren zu Hauptverkehrsmitteln. (Heute sind es die Mopeds, die sogar auch als Mopedtaxi fungieren. Allerdings gibt es jetzt bei Überladung empfindliche Bußgeldstrafen. Man darf laut Beförderungsordnung max. zwei schwere oder drei leichte Passagiere befördern. Das Gewicht der Passagiere wird scheinbar vom Verkehrspolizisten geschätzt...) Gerne hätte ich damals auch einen Blick ins berühmte Thang Long geworfen, dem jahrhundertealten Wasserpuppentheater, aber der nächste Höhepunkt, das Mittagessen, wartete bereits seit geraumer Zeit in der Vertretung auf uns.

Einige Fettnäpfchen

Auch wenn es jetzt ans Essen ging und wir die Gäste waren, Fettnäpfchen wollten wir natürlich vermeiden. Wir wussten, dass Vietnamesen bei der Begrüßung die rechte Hand des Gegenübers mit beiden Händen umschließen würden, dass kurze Hosen an Männern unerwünscht und schwarze Hosen für Damen tabu waren, denn vietnamesische Frauen tragen schwarze Hosen oft nur während ihrer "unreinen" Tage und würden dann Tempel und Pagoden nicht betreten. Die waren jedoch Bestandteil unserer Stadtbesichtigung in Hanoi. Traditionell ziehen Vietnamesen beim Betreten einer Privatwohnung die Schuhe aus. Ausländern gestatten sie aber, die Schuhe anzubehalten. Aus Höflichkeit zieht man sie am Eingang dann aber doch aus. Alle hatten sich nach der Information über "Fettnäpfchen" auf die landestypischen Besonderheiten eingestellt, allerdings blieb da noch die Sache mit dem Ausziehen der Schuhe... Wir brauchten zum Glück unsere Schuhe nicht ausziehen, es war ja offizielles Gebäude der deutschen Vertretung. Ansonsten wäre es wohl peinlich geworden, denn einige trugen "Sommersocken", das sind die mit den großen Luftlöchern, und andere, wie ich auch, steckten aus Gewohnheit barfuß in den Schuhen, es war ja ein heißes Klima, und mit Zecken mussten wir hier doch nicht rechnen.

Essen und Zahnschmerz

Ein vietnamesischer Koch bereitete das Essen, und wir durften uns deshalb auf die Originalität vietnamesischer Speisen freuen, obwohl man sich bei einigen Häppchen fragte, ob es das war, was man vermutete, oder…? Wir wussten, dass die asiatische Küche gegenüber der europäischen sehr viel mehr verwertet, und dass Speisetabus in Vietnam unbekannt sind. So braucht man sich nicht über Insekten, Schlangen oder gar Hunde im vietnamesischen Speisenangebot wundern, man sollte sich nur vorher informieren. Der vietnamesische Koch wusste hoffentlich, welche Speisen und wie viel "landestypisch" er uns Europäern zumuten konnte.

Wir kamen durch eine große Eingangstür in das Foyer, und es duftete verführerisch. In einem Salon war das Essen für uns auf vielen Tabletts appetitanregend als Büffet angerichtet. Geschmortes Hühnerfleisch, eine Art Rindergulasch, gebackener Fisch, Suppen, Berge von Frühlingsrollen mit unterschiedlichen Füllungen von süß bis scharf und Gemüsen, die in Vietnam nur bissfest gegart werden. Reis oder Reisnudeln werden wahlweise dazu gegessen. Reis und nicht Fleisch oder Fisch ist in Vietnam das Grundnahrungsmittel. Ungewohnt, aber nicht unangenehm der Geschmack des Ingwer, der neben schwarzem Pfeffer und Chili das Hauptgewürz zu sein schien. Alle Ängste und Befürchtungen waren im Nu vergessen, und uns allen lief das Wasser im Mund zusammen - wir spürten einen echten "Bärenhunger". Sowieso war ein original asiatisches Buffet für uns nicht alltäglich. Nachdem wir uns gegenseitig versicherten, dass Fisch-, Geflügel-, Rind- und Schweinefleisch, nicht aber irgendwelche berüchtigte landestypischen Leckerbissen vor uns liegen, ließen wir unserem Appetit freien Lauf.

AUTSCH - plötzlich durchfuhr es mich heftig wie von einem elektrischen Blitz getroffen - einer meiner Backenzähne hatte irgendein Problem und gab ausgerechnet beim lang ersehnten Essen Signal. Auf der Stelle war mir der Appetit verflogen. Ab diesem Moment konnte ich nur noch wie durch Nebel zuschauen, wie die anderen das Mahl genossen haben. Dass ich nicht mehr zulangte, bekam keiner mit, alle waren mit Reinhauen beschäftigt. Erste Hilfe gegen den Zahnschmerz erhielt ich dann doch durch das Personal der Vertretung. Nelken sollte ich kauen, um meinen Zahn zu beruhigen.

Der knackige Nachtisch schmeckte allen, die ihn aßen, obwohl keiner genau wusste, woraus er bestand. Gegrillte, kandierte Insekten, geröstete Grillen in Fruchtzucker...? Egal, alles war wunderschön mit Obst garniert. Es muss geschmeckt haben, denn die übliche Frage "Was ist das?" kam gar nicht nicht auf. Aber das erreichte mich irgendwie nicht, denn ich konnte ja sowieso nicht mehr zubeißen, und die anderen fragten nicht, sie genossen nur und schluckten alles. Hätte ich jetzt laut gefragt, wäre das vielleicht schlagartig anders geworden.

Runtergespült wurde abschliessend mit Tee, zum Glück nicht mit irgendwelchen makabren Aufgüssen, in denen z.B. ganze Schlangen im Alkohol stecken. (Wenn der Alkohol ausgetrunken ist, erfolgt für die Männerrunde ein neuer Aufguss auf den Schlangenkörper. Dies soll die Potenz stärken...) Nein, wir waren mit dem heißen, wohlriechenden Tee vollkommen zufrieden.

Schmerzen weg - Essen weg

Später waren meine Schmerzen verflogen, leider lag das Essen aber auch schon mehr als eine Stunde hinter uns, denn wir saßen nach einer herzlichen Verabschiedung wieder im Bus, nun jedoch in umgekehrter Fahrtrichtung. Jeder hatte Zeit, in sich zu kehren und die Erlebnisse des Tages sacken zu lassen. Die Passage über die "Schaukelbrücke" erregte kein Gemüt mehr. Man war zu müde, um kein Vertrauen zu haben. Einige verschliefen die Überfahrt sogar ganz.

Am Ende des Ausflugstages

Den Fahrer beneideten wir nach der Ankunft am Schiff wirklich nicht, denn der arme Teufel musste nach der anstrengenden Tour bald wieder umkehren und mit den Austauschpersonen der Vertretung nach Hanoi zurückfahren. Lenkzeiten - Fehlanzeige. Aber auch dank ihm war es für uns ein erlebnis- und lehrreicher Ausflug, von dem sich die Erinnerungen regelrecht einbrannten, die noch immer gewärtig sind, trotz ausgefallener Fotos, denn unsere Fotoapparate hatten an Bord zu bleiben, in Spinden verschlossen, von vietnamesischen Behörden versiegelt.
   


Herzlichen Dank an Stephan Bohnsack für sein Erlebnisbericht vom anderen Ende der Welt. 


"Hanoi mit Zahnweh": Seeleute Rostock e.V., August 2011

   

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  06.01.2015  
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