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Stephan Bohnsack, Rostock

Kubanische Kakteen sind wehrhaft

Unser Internet-Kurztitel: Wehrhafte Kakteen 

Bei mehreren Ausflügen in verschiedenen Karibikhäfen sammelte Stephan Pflanzen,
speziell bestimmte Kakteen, bis sich eines Tages diese Geschichte abspielte.


slr-sb-kaktus.gifStacheln im Hintern können das Leben ganz schön erschweren, besonders dann, wenn sie kräftig gewachsen und lang genug sind, um tief ins Fleisch eines Opfers einzudringen. Die Stacheln meiner gesammelten kubanischen Feigenkakteen waren auch kräftig gewachsen, wie sich herausstellte, nämlich als wir sie nacheinander aus dem Sitzfleisch eines Mitgliedes unserer Decksgang herauszogen.

Die besagte Nacht in Havanna war für uns genauso unangenehm schwül wie alle vorangegangenen, denn keiner von uns auf dem Typ-IV-Schiff konnte ohne Klimaanlage wirklich gut schlafen. Für jeden kühlenden Hauch führten wir ein wahrhaft "offenes" Bordleben, welches aber in der Besatzung einen einzigartigen Zusammenhalt mit engen Kontakten schaffte, manchmal sogar mit recht skurrilen, wie das nun folgende Erlebnis schildert.

Kurz vor Mitternacht, gerade vom Landgang zurückkehrend und an Bord dem Lärm in der Nähe meiner Unterkunft folgend, betrat ich die weit geöffnete Kammer des Bäckers im Achterschiff.

Eine filmreife Szene

Hier erwartete mich ein Anblick, den ich leider für die Nachwelt nicht bildlich festhalten und vorerst auch für mich nicht einordnen konnte: Mein Kollege hing tief nach vorne gebeugt auf der Back, die Hose von der Hüfte bis tief hinab in die Kniekehlen gezogen, die blanken Rundungen seines Achterstevens weit hochgestreckt - dabei aber eine dampfende Zigarette zwischen den Lippen. Er war eben ein echter Raucher, der heute nur mal etwas tiefer in die Flasche geschaut hatte. Der Bäcker kniete hinter ihm. Der Aschenbecher stand übervoll auf der befleckten Tischdecke, genau vor der Nase des gerade in Behandlung befindlichen "Klienten". Etliche leere Flaschen lagen kreuz und quer auf dem Boden. Es roch so, wie es aussah.

Für den Bäcker, der die "WBS"-, "Vita Cola"- und "Hafenbräuflaschen" leeren half, war es Ehrensache, als "praktizierender Operateur" einzuspringen und dem Kumpan zu helfen, schließlich kannte er sich mit Fleisch aus - er war zwar Bäcker, arbeitete aber auch in der Kombüse. Jetzt kniete er allerdings auf sehr wackeligen Beinen tief gebeugt hinter seinem "Patienten" und schien tief in dessen Hintern zu schauen, so wie in einen Fernseher. Wer Phantasie besitzt, kann sich leicht vorstellen, dass dieses "Ensemble" auf den ersten Blick einen sehr seltsamen Eindruck auf mich machte. Doch beim genaueren Hinsehen erkannte ich den Sinn - der Bäcker suchte nach Kaktusstacheln, die sich nun im Allerwertesten des Kumpels verteilt befanden. Ausgerechnet, wie sich zu meinem Schreck herausstellte, von Kakteen meiner Sammlung!

Der Kollege setzte sich kurz vorher, jedoch unfreiwillig, auf meine botanische Sammlung, als er versehentlich den Kammereingang verwechselte und in meine Kammer stolperte. Der große Blumenbottich, der sich auf halbem Wege befand, stoppte seinen Lauf. Er musste eine mächtige Schlagseite gehabt haben, denn irgendwie geriet er mit seinem Achtersteven in eine für ihn recht unangenehme Position und havarierte letztendlich mit meinen Kakteen. Ich hatte die Kammer nicht verschlossen, um das Schott auf dem Haken lassen zu können. Ohne Klimaanlage war der geringe Luftzug die einzige Kühlung.

Blumenbottich als Bremse

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Mein selbstgezimmerter Blumenbottich bremste den Taumelnden ruckartig, als er dagegen stieß, sich dabei wohl drehte, um mit dem Podex genau darauf zu landen. Einige wunderschöne Kakteen zerbrachen, rote und gelbe Blüten waren ärgerlicherweise abgebrochen, und der Kollege selbst lag jetzt infolgedessen einige Kammern weiter zu einer "Notbehandlung" auf der Back des Bäckers. Seine Strafe folgte also unmittelbar. Meine Kakteen wehrten sich nämlich, scheinbar instinktiv, mit ihren großen und kleinen Stacheln gegen den "Sitzangriff", so gut sie es konnten. Und sie konnten sich gut wehren, denn am Ende der "Operation" zählten wir unzählige Beweisstücke, große und kleine Stacheln, die wir gemeinsam aus dem Fleisch seines Sitzfleisches bargen. Allerdings schienen Patient und Bäcker, dank vieler flüssiger "Hilfsmittel", gleichermaßen empfindungsfrei.

Das war wohl wieder ein Wink dafür, das die Erfindung von "Weinblattsiegel" und "Hafenbräu" für uns Fahrensleute als überzeugendster Beweis dafür gelten konnte, dass der Meeresgott uns alle liebte und egal, wo wir auch gerade waren, einfach nur glücklich sehen wollte.

Unsere beiden Sünder zeigten die notwendige Ruhe und seemännische Gelassenheit, denn nur dadurch konnten sie nach der gemeinsamen abendlichen Genussfreude das anschließende Übel ertragen, fanden außerdem ja auch noch keine Zeit, um überhaupt an Schmerzen zu denken - jedenfalls nicht zu dieser Stunde.

Beide merkten glücklicherweise davon nicht sehr viel - der Patient nicht die Momente, in denen der Bäcker mal wieder mit der Pinzette, oft volle Kraft daneben, in das Patientensitzfleisch ziepte - der Bäcker nicht die kleinen Bluttröpfchen, die sein übermäßiger Druck auf das Sitzfleisch des Kumpans mit der Pinzettengabel hervorbrachte, weil er selbst nach den abendlichen Genussfreuden noch immer leicht empfindungsarm war. Es war ja auch nicht sein Fleisch und Blut. Mich schmerzte es allein beim Zuschauen. Also gesellte ich mich hinzu und half, die Operation schnell zu Ende zu bringen. Ob wir alle Stachel erwischten? Ich glaube nicht, denn der Patient hatte inzwischen aufgeraucht und wurde ungeduldig und wurde daraufhin "entlassen". Falls noch einige fast unsichtbare Stachel drin blieben, würde der Körper sie sowieso nach außen abstoßen, was er dann auch tat. Am nächsten Morgen und auch noch längere Zeit danach waren die Hinterbacken des "Patienten" an vielen Stellen mit großen und kleinen Rosetten verziert, die in der Mannschaftsdusche regelmäßig und genau registriert werden konnten - solange sie noch zu sehen waren. Viel später, kurz vorm Heimathafen, waren sie immer noch sehr gut zu erkennen. Der Bäcker wusste allerdings am nächsten Tag nichts mehr von den Geschehnissen der letzten Nacht.

Herzlichen Dank an Stephan Bohnsack für seine Kurzgeschichte, die sich 1970 auf
dem MS "Berlin" (1) während einer Hafenliegezeit in Havanna zutrug.

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Grafiken: "ABC_of_Pics", 50.000 lizenzfreie Cliparts, (c) 2006 - Franzis Verlag GmbH, Poing, Germany


"Wehrhafte Kakteen": Seeleute Rostock e.V., August 2011

   

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  06.01.2015  
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