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Stephan Bohnsack, Rostock

Affengeschichten

Gekürzt erschienen unter "Jeder Seeman hat mal einen Affen" in "Bordgeschichten XI",
 DSR-Seeleute e.V., Freiberg, 2013, www.seeleute.de fremdlink.gif.


Ein Affe mustert an

Affen sind eigentlich keine außergewöhnlichen Tiere, obwohl sich das Leben außergewöhnlich verändert, wenn man für ein Affenbaby plötzlich zu Mutter und Vater gleichzeitig wird. Diese Erfahrung machte ich in den 60er Jahren während einer Reise mit der "Edgar André" (vgl. Typ-X), quer durch Asien. Neben großen Häfen wie Singapur, Hongkong, Osaka, oder Shanghai ankerten wir auch einmal auf dem Fluss des damals kleinen malaysischen Urwaldhafens Port Swettenham, um hier Ladung zu nehmen. Landgang war für uns hier zu festen Zeiten, aber nur mit der Hafenbarkasse, möglich. Wer von der Besatzung dienstfrei, Zeit und Lust hatte, nutzte diese Möglichkeit, um sich mal an Land die Beine zu vertreten oder sich im Seemannsclub vom Schiffsbetrieb zu erholen.

Die Barkasse setzte uns also im Zentrum des Ortes ab, das nach meiner Erinnerung aus einer Anlegestelle, wenigen Obstständen und einem Andenkenstand bestand. Natürlich landeten die Landgänger aller Nationen genauso wie wir zunächst vor den Auslagen gerade dieses Standes, denn die bestanden überwiegend aus den begehrten, mit malaysischen Motiven bedruckten Stoffen, Heiligen aus Keramik, Holzschnitz- und Bambusarbeiten. Preisgünstige Souvenirs waren von Schiffsleuten der ganzen Welt ja immer gefragt. Fast alles des in Handarbeit verarbeiteten Holz- und Bambusmaterials kam aus dem einheimischen Wald. Ein großer bunter Papagei war der Blickfang, der wie ein Heiligenschein auf der Bambusstange über den Auslagen hockte. Auch er kam aus dem heimischen Wald und lockte durch seine imposante Erscheinung neugierige und potentielle Käufer gleichermaßen. Einfach nur so vorbeigehen ging hier nicht. Der Papagei sah jeden und half ihm sofort mit lautem Gekreische auf den richtigen Weg, nämlich in den Andenkenladen seines Herrn, Chefs und Besitzers. "Den Papagei kaufen wir und nehmen ihn mit", so meine Reaktion... Allerdings vervielfachte sich der Preis für den bunten Vogel bis zum Abend, und wir ließen deshalb von dem Vorhaben ab. Clever von seinem Chef, der ihn nach meiner jetzigen Meinung offensichtlich überhaupt nicht verkaufen wollte.


In 10 Minuten auf dem Weg nach Europa

Zwischen unzähligen Holztieren und Heiligenfiguren spielte ein kleines Affenbaby, das wir jetzt zufällig entdeckten. Das Affenbaby ahnte nicht, dass es sich keine zehn Minuten später in meinem Hemd steckend auf dem Weg nach Europa befand. Ich zahlte für den Affen, alle anderen für Bananen, denn Affen leben ja von Bananen, so glaubten wir bis dahin übereinstimmend. Aus dem geplanten Papageienkauf wurde also ein richtiger Affenkauf.

Auf der Barkasse ließ sich das neue, haarige Besatzungsmitglied allerdings nicht lange vor den anderen verstecken. Ich erwartete vom "Alten" ein Donnerwetter, denn kürzlich erließ die Reederei ein Verbot für das Mitführen von Tieren auf Schiffen. "Ich habe offiziell kein Tier gesehen…", sagte er schmunzelnd, das Äffchen dabei sogar streichelnd. Wahrscheinlich war "schlechtes Sehen" der Grund für seine folgenden, fast allabendlichen Besuche des Affenbabys.

Das Leben der ganzen Besatzung schien immer mehr vom Affen bestimmt, denn wenn er abends wach und aktiv wurde, dann in der Regel in Anwesenheit etlicher Leute. Wurde auf dem Schiff jemand gesucht, dann suchte man zuerst in der "Affenkammer". Unser Affenbaby entpuppte sich als Nachttier - wir waren wohl jetzt so etwas wie seine Herde. Es lief mit uns aber genau umgekehrt, der Affe war zwar neu auf unserem Schiff, aber trotzdem waren wir es, die um sein Vertrauen kämpfen mussten, uns als Spielkamerad zu beweisen hatten. Recken, Strecken, Pinkeln, Fressen, anschließend Spielen - war sein tägliches Abendritual. Nach dem Aufstehen: Springen und Spielen, immer bis in den frühen Morgen. Dann verschwand der "nächtliche Geist" nach seinem "Morgenritual" - Fressen, Pinkeln, Trinken - wieder in seine "Höhle" - meine Reisetasche.


Alles sollte markiert sein

Allerdings gelang es uns nicht, ihm das Markieren seines Revieres abzugewöhnen. Zum Revier zählte alles, was sich in unserer Kammer befand oder herumlag. Das waren einige schon markierte Klamotten, Tischdecke, Handtücher, sogar die Kunststofftapete an der Wand. Wenn mein Zimmerkollege seine neue Zigarettenschachtel vergaß wegzulegen, dann schmeckten sie am nächsten Tag eben ein wenig anders. Mir war es egal, ich bin Nichtraucher. Alle neuen und für den Affen erreichbaren Gegenstände bekamen umgehend seine Duftmarke - da war der Affe sehr gewissenhaft. Eine Stulle sollte man deshalb beispielsweise in unserer Kammer nicht aus der Hand legen. Ganz zerstreute Kameraden taten es ein paar Mal wohl auch aus Vergesslichkeit, natürlich mit dem Ergebnis, dass es dann anschließend ein wenig anders schmeckte. Aber nicht jeder stellte immer gleich eine Aromaveränderung fest und später - da war sowieso alles zu spät.

Der Affe bewohnte die obere Koje, die von meinem Kollegen nicht genutzt wurde, da der auf der Backskiste schlief. Zwischen unseren Seesäcken lag meine Reisetasche. Hierher konnte er sich zurückziehen, aber trotzdem alles beobachten, was im Raum vorging.

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Ausflug an Deck
Der "Alte" hätte das wissen müssen

Singapur war unser nächster Hafen. Ein Minister wollte hier ausgerechnet auf unserem Schiff einen Empfang geben. Alle Offiziere bekamen dafür extra schneeweiße Uniformen, die asiatische Schneider innerhalb von zwei Tagen anfertigten. Der entbehrliche Teil der Besatzung wurde ab Mittag von der Arbeit freigestellt. Der "Alte" drehte wie immer, so auch kurz vor dem Ministerempfang, seine abendliche Runde über das Schiff, natürlich nicht ohne Besuch beim "Schiffsaffen". Den allerdings interessierte der Ministerbesuch weniger, dafür aber vielmehr die neue, noch unmarkierte Uniform, die der Kapitän heute trug. Der Kleine setzte sich wie sonst auch auf seine Schulter, schnupperte - alle hätten es eigentlich wissen müssen -, und dann passierte es auch in Sekundenschnelle. Ein goldgelber Urinstrahl perlte von oben über die Schulter den rechten Ärmel hinab, schrecklicherweise so, dass dabei auch noch das Vorderteil der Jacke besprenkelt wurde. Die anwesende Chefstewardess wurde blass, aber Schreien half jetzt gar nichts. Sie hatte die Aufgabe, alles blitzschnell möglichst spurlos zu reinigen. Mich betraf das Problem zum Glück nicht, denn meine Klamotten trugen ja bereits die Duftmarke des Mitbewohners. Die Düfte waren nicht einmal beim Waschen vollständig zu entfernen.


Neue Futterquelle für den haarigen Kollegen

Bald merkten wir, dass dem Äffchen allmählich Zähne wuchsen, wir seine Nahrung verändern müssten. Aber wie? Eines Tages kam der Koch zu Besuch und hatte "wie zufällig" ein rohes Ei dabei, sogar schon mit angetickter Schale. Der Affe stürzte sich auf das Mitbringsel und lutschte es zum größten Teil gleich noch auf der Stelle aus. Ein anderes Mal brachte er rohe Leber mit, und wir erlebten, wie das Tier diese genauso hektisch verschlang. Von jetzt an war der Chefkoch auch Leibfuttermeister des Affen - dem gefiel es.


Dem Abenteuer Einbürgerung in die DDR entgegen

Einige Stürme kreuzten unseren Weg nach Europa, aber das Äffchen hatte auch bei Schaukelei keine Probleme. Es fühlte sich wahrscheinlich instinktiv wie im Wipfel einer Palme im Wind, denn als Baby hatte er ja wohl nie die Chance, je auf einer Palme zu hocken. Allmählich näherten sich die Hafenstädte Antwerpen und Hamburg. Wenn in Antwerpen ein Schiff aus exotischen Gefilden kommend anlegte, waren sie sofort wie Fliegen da, die Tierhändler, um mitgeführte Exoten aufzukaufen und weiter zu vermarkten. Für die betroffenen Tiere oft ein schlechtes Geschäft, denn häufig wurde über das Geld ganz vergessen, dass auch Tiere lebende Kreaturen sind. Ich gebe zu, im Zusammenhang mit unserem Affen auch erst an ein solches Geschäft gedacht zu haben. Als es jedoch zum Geschäft kommen konnte, verwarf ich es aus moralischen Gründen und verzichtete auf mögliches Geld, obwohl ich es gut gebraucht hätte. Aber ohne dieses Geld lebe ich auch noch und als Sorgeberechtigter verkaufe ich meinen Schützling nicht und überhaupt, wenn das an Bord herausgekommen wäre… Wir reisten also gemeinsam weiter, durch den Nord-Ostsee-Kanal in Richtung Rostock, und bereiteten uns auf das riskante Abenteuer der Einbürgerung des Affen vor, oder wie es amtlich von DDR-Behörden bezeichnet wurde: Einschmuggeln eines verbotenen Exoten in das Staatsgebiet der DDR.

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In die neue Heimat unseres Äffchens

Unser Affe reist illegal in die DDR ein

Nach vielen Monaten Schiffsreise und der erfolgreich überstandenen Versuchung, den Schiffsaffen der "Edgar André" in Antwerpen an einen Tierhändler zu verkaufen, kamen wir endlich in Sichtweite Warnemündes und vor die Hafeneinfahrt von Rostock. "Kein freier Liegeplatz, auf Reede ausweichen und Ankern!" - so lautete der Befehl von Land. Für uns eine letzte Möglichkeit, ein perfektes Versteck für den Affen zu finden. Druckerzeugnisse aus dem kapitalistischen Ausland, aber auch exotische Tiere - wie eben unser Affe - waren illegal und durften nicht eingeführt werden. Der pennte ahnungslos in meiner Reisetasche in der oberen Koje unserer Kammer. Plötzlich kam der Befehl zum Anker hieven und Einlaufen. Unser Schiff ging im Rostocker Überseehafen neben einem anderen Schiff der Deutschen Seerederei an der Querpier längsseits, um an ihm im Päckchen festzumachen.


Zöllner, so viele wie Heuschrecken

Oh Schreck, eine Zoll-Gang wartete schon und enterte auf unser Schiff über. Ich hatte durch die plötzliche Hektik vergessen, mich um den Affen zu kümmern. "Was ich selber denk und tue, dass traue ich auch anderen zu", so sahen wir die Arbeit der Zöllner. Jedenfalls Taschenlampen, Werkzeugtaschen und Spiegel führten sie reichlich mit sich. An den Verschalungen in den Gängen, am Inventar einiger Kammern und im Maschinenraum tobten sie sich sechs Stunden lang aus - natürlich ohne etwas zu finden. Sie suchten nach Schrauben, von denen die Farbe abgeplatzt war, was eigentlich nur dann passierte, wenn vorher dran geschraubt war. Aber was war mit dem Affen?

Unsere "Affenkammer" schien den Zöllnern nicht würdig genug für eine Tiefenkontrolle, wir hatten noch nicht geschafft, sie aufzuräumen. Jedenfalls genügte einem der Zöllner nur ein oberflächlicher Blick ins Innere, das reichte ihm. Aber Gäste hatten wir ja keine erwartet. Endlich waren Zöllner und Grenzbeamte wieder von Bord, und ich stellte beim Besuch des Affen mit Schrecken fest, dass er samt Reisetasche verschwunden war.

Jetzt kam die große Überraschung: Einige Jungs begannen die Rückwand der Backskiste in des E-Mix' Kammer zu dessen großen Verwunderung abzuschrauben und entnahmen dem Hohlraum meine karierte Reisetasche mit dem Affen, der jedoch glücklicherweise immer noch pennte.

Der temperamentvolle Thüringer wurde weiß, er hatte nach dieser Reise wirklich nichts Verbotenes dabei, konnte dementsprechend während der Kontrolle vor lauter Übermut eine große Klappe riskieren, was er auch ausgiebig tat. Er führte in dem Trubel sogar laut das Wort - und dann? Der geschmuggelte Affe ausgerechnet in seiner Kammer! Alles lachte und freute sich, er selbst jedoch war stinkwütend. Wohl nicht ganz zu Unrecht, denn was wäre, wenn der versteckte Affe von den DDR Behörden gefunden worden wäre?

Er wurde aber glücklicherweise nicht gefunden, und schon ging es an den zweiten Teil der heimlichen Einreise in die DDR - nämlich die Passage des Hafentors, das immer mit vielen Zöllnern, Grenzern und Hafenpolizisten besetzt war.

Ich war reisefertig. Der Affe war auch munter, hatte inzwischen Wasser gelassen, wieder frisches getrunken und verlangte nach seinem Abendessen. Gesättigt ließ er sich dann problemlos im Futter meines Halbmantels verstauen, denn mit Gepäck wollte ich jetzt nicht durch das Hafentor. Das Warten auf das gerufene Taxi nahm Zeit in Anspruch, und der Affe wurde im Mantelfutter lebendig, vor allem neugierig. Plötzlich bildete sich auf meiner Schulter ein Buckel, wanderte zur anderen Seite und verschwand wieder nach unten. Das Spiel wiederholte sich ein paar Mal. Ich kann mir denken, was der Wachmatrose des anderen Schiffes wohl dachte, er fragte aber nichts. Das Taxi stand inzwischen an der Gangway, und für ein Gespräch blieb jetzt auch keine Zeit mehr. Er wundert sich vielleicht heute noch.


Das nächste illegale Abenteuer - die Passage des Hafentors

Es ging in ein neues Abenteuer - die Passage des Hafentors. Das gerufene Taxi sollte über Gehlsdorf fahren, um Kameraden am in dieser Zeit bei Seeleuten berühmten "Lindenhof" abzusetzen, denn dort war Tanzabend. Für mich waren die lustigen Kameraden die beste Tarnung, lustig und ohne Gepäck. Zum "Lindenhof" fuhren meistens Seeleute, die einen vergnüglichen Abend suchten, mit hübschen Tanzpartnerinnen, Wein und Bier. Von Schmuggelei waren diese Leute in den Augen der Kontrollbeamten weit entfernt. Die Tarnung schien zu klappen. Wir kamen an die Schranke, machten im Auto lustige Witze, zeigten die Seefahrtsbücher, wurden einzeln durch den Uniformierten gemustert und durften schließlich passieren. Unser Äffchen war jetzt fast angekommen. Die Kumpels stiegen in Gehlsdorf aus, und weiter ging es quer durch die Stadt zum Haus meiner Familie. Den Mantel hielt ich auf dem Schoß, konnte bei einem Ampelstopp jedoch nicht verhindern, dass der Taxifahrer einen fürchterlichen Schreck bekam, denn das Äffchen hatte den Mantelausgang gefunden und steckte nun eine seiner Hände in Richtung Fahrer. Endlich kamen wir an, der kleine Affe nun in seinem neuen, aber auch letzten Revier.

Es gibt noch unzählige erzählenswerte Episoden aus dem Zusammenleben von Affe und Mensch. Das Komplizierteste war jedoch die Ernährungsumstellung auf Lebendfutter und des Affen alter Trieb, alles Neue unbedingt zu markieren. Einmal erwischte er dabei sogar eine frische Apfeltorte mit Zuckerguss, die für ein Kaffeekränzchen älterer Damen hergestellt und zum Abkühlen auf dem Fensterbrett abgestellt war. Das sind zwar keine Bordgeschichten mehr, aber lest trotzdem gerne weiter …


Die neue Heimat unseres Äffchens

Die Nacht der ersten Begegnung
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Das Begrüßungskomitee war zum Empfang des neuen Familienmitgliedes versammelt. Vater, Mutter, Oma und Uroma... In der Wohnung angekommen konnte ich die "Katze" - oder besser den Affen - endlich aus dem Jackenfutter in seine neue Familie und das deutlich größere Revier entlassen. Es war die Jahreszeit großer, bunter, langstängeliger Blumen. Der Affe bemerkte den blumigen Duft sofort und hangelte als erst einmal an einer für ihn gänzlich unbekannten Bauernrose hoch, die sich mit anderen Blumen als Strauß in einer Vase befand. Sie gab jedoch plötzlich nach und kippte samt Vase um. Zu dumm - die Vase stand auf dem Fernseher, der zu dieser Zeit eingeschaltet war. Er zischte und dampfte -  Schreck für alle -, und ich schaltete geistesgegenwärtig den Strom ab. Der Fernseher überlebte, aber der Affe wunderte sich wohl noch lange. Es war seine erste Vorstellung in der neuen Familie und auch ein kleiner Vorgeschmack auf das, was die Familie ab jetzt beim Zusammenleben mit dem "kleinen Jäger aus dem Urwald" erwarten konnte. Insgesamt sieben Vasen blieben in dieser ersten Nacht auf der Strecke. Sie lagen am nächsten Morgen zerbrochen am Boden. Es war auch ein wenig meine Schuld, denn weder im Urwald und schon gar nicht in unserer Kammer an Bord der "Edgar André" hatte der Affe die Möglichkeit, den Umgang mit Vasen zu üben.


Viel Arbeit im Revier
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Der Affe stellte schon in der ersten Nacht fest, dass in seinem neuen Revier noch viel Arbeit wäre, denn nichts trug bisher seine Marke. Wie sollten die anderen Affen wissen, dass es sein Revier wäre? Er gab er sich große Mühe das zu ändern. Jetzt begann ein Wettlauf von Markieren und Reinigen zwischen Familie und neuem Bewohner. Ging der Affe morgens schlafen, begann die Familie nach dem Aufstehen mit der Reinigung der markierten Gegenstände. Wir wissen aus der Zeit des Zusammenlebens auf dem Schiff, dass alle neuen Gegenstände sofort markiert werden. Zu dieser Zeit heizten wir unser Haus noch mit Briketts, die wir in Eimern neben dem Ofen in der Küche lagerten. Hier wurde die Wärme erzeugt und in die Heizkörper des Hauses geleitet. Jeden Abend stellten wir neue Kohlen neben den Ofen um morgens gleich heizen zu können. Der Affe markierte des Nachts immer die oberen Briketts, die waren ja jeden Abend erneuert, und untersuchte anschließend das Revier. Schwarze Abdrücke seiner Hände an Tapete, Schränken und manchmal auch an Gardinen waren oft das Ergebnis seiner nächtlichen Wanderungen.

Allmählich gewöhnte sich Familie und Affe aneinander, und es setzte sogar ein gegenseitiger Anpassungs- und Lernprozess ein. Hauptfrage für die Familie: Wie können wir uns am besten vor den Gewohnheiten des neuen Mitbewohners schützen? Und für den Affen: In welchem Schrank wäre das beste Lager? Bis er das herausfand, flogen auch schon mal gebügelte und zusammengefaltete Klamotten aus dem untersuchten Schrank. Die Konsequenz: Wir bauten ihm eine Höhle, ein Holzhäuschen, von innen mit wärmendem Schafspelz ausgeschlagen - er kam schließlich aus tropischen Gefilden. Das Ganze sah wie ein Vogelhäuschen aus, denn es hatte im Eingang ein großes, rundes Loch. Der Affe war happy. Jetzt hatte er, was er wollte, seine eigene Höhle, konnte von oben alles und was ringsherum geschah beobachten und war für neugierige Menschenkinder auf dem Dach des Kleiderschrankes nicht so leicht erreichbar - mehr wollte er gar nicht.


Die Affenversorgung wird immer perfekter

Auch seine Ernährung konnten wir systematisch artgerechter gestalten. Aus dem zoologischen Schulkabinett der Rostocker 1. Erweiterten Oberschule erhielten wir Unterstützung in Form von eiweißreichen, appetitlichen Mehlwürmern, kleinen Mäusen und sogar Hamstern, die mir allerdings leid taten. Ein lebendes Tier wurde in eine Wanne gesetzt, aus der es nicht weglaufen konnte, der Affe gesellte sich dazu und fing blitzschnell das Tier, um dessen Kehle durchzubeißen und Blut und Hirn zu saugen. Den Körper durften wir dann entsorgen. Mir war das zu blutig, und wir holten deshalb aus der Brüterei in Rostock-Gehlsdorf für 10 Pfennig das Tier - Eintagsküken. Einmal kaufte ich gleich 25 Küken, um Vorrat zu haben und nicht wegen jeder Fütterung auf den Weg zu müssen. Den Karton stellte ich an die warme Heizung in das Wohnzimmer, der Affe würde sich bei Bedarf bedienen. Er tat es. Zwei Küken waren getötet, mit dem Rest spielte er. Er hob sie hoch und ließ Küken für Küken aus dem Karton fallen. 23 Küken rannten fast einen gesamten Tag im Wohnzimmer auf den Teppichen rum. Es dauerte lange, bis endlich alle pfenniggroßen Zeugnisse dieser Tat aus den Teppichen entfernt waren. Die Lehre aus diesem Kauf auf Vorrat: Schon am nächsten Tag waren es keine Eintagsküken mehr, und der Affe fasste auch keine "alten" Küken mehr an, er war anscheinend ein Gourmet.


Affenausflug aufs Dach

Eines Tages kam ich erst in den späten Abendstunden nach Hause und wunderte mich über die vielen Nachbarn, die vor unserem Grundstück standen und aufs Dach starrten. Näher kommend sah ich, es war kein Feuer, sondern meine Mutter, die ganz oben auf der Leiter stand und offenbar mit dem unbeeindruckten Affen verhandelte. Der hatte erstmalig die Chance genutzt, durch ein offenstehendes Fenster zu klettern, um einen Ausflug auf das Hausdach zu unternehmen. Ganz abhauen wollte aber er nicht, nur mal ausgiebig eine ganz neue Freiheit kosten. Allerdings wurde es inzwischen schon kühl und das Futter befand sich drinnen, also entschloss er sich, zu seinem Menü zurückzukehren. Das bestand heute aus Mehlwürmern, gewärmter Milch, weich gekochtem Ei, Salatblättern und Apfelscheiben. Allerdings hielt er die Anhänglichkeit seiner Familie für sehr bedenklich, die ihm sogar auf das Dach folgte und jetzt Probleme hatte, wieder heil herunter zu kommen. Das Klettern sollte sie doch lieber ihm, dem Affen, überlassen.


Der Kuchen für das Damenkränzchen war auch neu

Auf unserem Hof lebten auch 22 Hühner und ein Hahn. Freundliche Küchenfrauen der benachbarten Ausbildungseinrichtung für künftige Bauleute: Essensabfälle gab es jeden Tag in Massen, und da ihr Heimweg sie sowieso an unserem Zaun vorbei führte, brachten sie täglich ein, manchmal auch zwei Eimer mit. Die Hühner liebten Eisbein mit Sauerkraut, gemischt mit Spagetti. Es war Zeit, diesen Frauen zu danken. Orden gab es aber woanders. Also waren sie zu einem Kaffeekränzchen mit selbstgebackenem Kuchen eingeladen. Meine Großmutter bevorzugte Apfeltorte mit geschlossenem Zuckerguss, darin immer ein herber Schuss Zitrone. Der Termin kam heran, und der Kuchen mit dem frischen Guss stand schon im Fenster zum Abkühlen. Wenn man nicht an alles denkt... Am Tage schlief der Affe, und man konnte ihn schon mal vergessen. Aber heute war es anders, er schlief nicht so tief wie gewöhnlich. Er lag in seiner Höhle und schnupperte und schnupperte dann zog der Geruch von etwas ganz Neuem durch seine Nase. Nicht lange und er fand das gute Stück auf dem Fensterbrett. Der Affe tat, was die Natur gebot, und was er mit Neuem immer tat. Er verpasste dem Kuchen einen "Schuss Affe". Wenn jetzt ein anderer Affe käme, wüsste er genau Bescheid. Die Frauen trudelten etwas später ein, und das Kaffeekränzchen begann, natürlich zuerst mit Likörchen und Bohnenkaffee. Der Kuchen war endlich angeschnitten und auf den Tellern verteilt. Er sah gut aus, roch gut und machte so richtig Appetit. Allerdings wunderte sich meine Großmutter jetzt, dass die Damen beim Essen ungewohnt verhalten wirkten, obwohl sie alles restlos aufaßen. Sicher war es ihre ländliche Bescheidenheit, denn fast alle kamen vom Lande. Etwas schmeckte aber trotzdem bitter, sicher war es zu viel Zitrone. Das gleiche dachten die Damen, ohne es auszusprechen etwas zu viel Zitrone. Auf den Affen kam keiner, denn das heutige Thema drehte sich ja hauptsächlich um Hühner, außerdem schlief der Affe ja.


Der Affe lebte einige Jahre in unserem Haus, hinterließ Spuren auf Möbeln und Textilien und auch bei den einzelnen Familienmitgliedern. Die einen hatten Angst, die anderen Spaß, er blieb aber trotzdem ein Wildtier, das nicht unter Menschen leben sollte, das hier aber nur unter unserer Obhut überleben konnte. Der Versuch, ihn dem Zoo zu übergeben, scheiterte, denn nach 3 Tagen brachten ihn die Zoologen wieder zurück. "Er verweigert die Futteraufnahme und würde bei uns eingehen, er braucht seine Herde." Womit wir gemeint waren. Also war der "Hausgeist" wieder da. Gäste mögen den kleinen Affen auch als Hausgeist empfunden haben, denn unser Gästezimmer lag in der oberen Etage, die Toilette unten. Wenn in der Nacht sich also jemand im Treppenhaus in egal welche Richtung bewegte, dann begegnete er dem Affen, der ihn als willkommenen Spielkameraden sah und forderte, aus Übermut in die Fußfesseln kniff oder demjenigen auf die Schulter sprang.

Ein Dieb oder Einbrecher hätte vielleicht einen Herzinfarkt bekommen. Manche ältere Damen, die bei uns zu Gast weilten, sprangen einige Male die Treppe herauf, vielleicht wie in Jugendjahren, bloß um nicht vom übermütigen Affen erwischt zu werden.


Es gäbe noch sehr viele lustige Episoden aus dem Leben mit dem Affen zu erzählen, seien es Fahrten mit der Straßenbahn, wo er plötzlich seine kleine Hand aus der Tasche streckte, oder Arztbesuche, wo es "vom Affen gebissen" hieß usw. Unser Äffchen stürzte irgendwann unglücklich, kränkelte seitdem, wurde Stammkunde in der Rostocker Tierklinik und verstarb nach langer Pflegephase im Mai 1972 in einem richtigen Bett. Der Körper wurde dem Rostocker Zoo übergeben, wo sich auch heute noch in der Rostocker Zooschule sein Skelett befindet.


Danke schön an Stephan Bohnsack für seine tierische Geschichte mit den Fotos vom Äffchen.


"Affengeschichten": Seeleute Rostock e.V., April 2011, Jan. 2015

   

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  10.01.2015  
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