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Stephan Bohnsack, Rostock

Mit einem "Veilchen" in japanischem Hospital

Von einem Krankenhausaufenthalt in Yokohama

Unser Internet-Kurztitel: Ein "Veilchen" in Japan


Für jeden Fahrensmann ist es ein Albtraum, während einer Reise zu erkranken. Andererseits gibt es bekanntlich gerade in Asien Wundermedizin gegen alle Arten von Krankheiten zwischen Syphilis und Rheuma. Man geht dort nicht gleich zum Arzt, sondern zunächst zum Apotheker, der einem tief in die Augen oder gleich auf die betroffene Stelle schaut und nach seiner ihm eigenen Diagnose eine geheimnisvolle, täglich mehrmals zu trinkende Teemischung vermengt, und das Gesundheitsproblem würde dann bald beseitigt sein.

Eine asiatische Apotheke - getrocknete Kräuter und Wurzeln aller Art, hochgestapelt oder von der Decke hängend, riesige Schränke mit kleinen Kästchen, angefüllt mit Blüten, Körnern, getrockneten Seepferdchen und Tigerpenissen und solcherart weiter - das ist der visuelle Eindruck vom Umfeld der Heilkünstler neben den vielen im Raum schwebenden Gerüchen.

Auf eine Frage voller Zweifel antwortete mir ein chinesischer Apotheker in Singapur mit Hinweisen auf die jahrtausendalten Erfahrungen der asiatischen Heilkunst. Erstaunlicherweise befand sich seine Apotheke innerhalb eines gehobenen Singapurer Restaurants. Essen, Schlemmen, Völlegefühl, Verstopfung, und anschließend alles mit Hilfe eines Mittelchens wieder Abführen zu können - hier lebte man gesund, und so erschien mir seine Apotheke an diesem Ort irgendwie als ganz schön praktisch.

Lieber gar nicht erst krank werden...

..., aber wenn es einen doch mal außerhalb Europas erwischen sollte, dann bitte nicht in Afrika oder Südamerika, sondern vielmehr am besten in Asien. Allerdings interessiert es weder den Blinddarm, den Zahnschmerz oder einen Bein- bzw. Armbruch - es kommt, wo es kommt, in irgendeinem Hafen oder gar auf hoher See.

Ein Matrose unserer Besatzung hatte Glück im Unglück, denn sein Blinddarm meldete sich bei den Lösch- und Ladearbeiten direkt in Hongkong. Er musste dringend in ein Krankenhaus eingeliefert werden, um operiert und nachbehandelt zu werden. Seine Reise war somit in Hongkong beendet. Gut abgepasst, denn der nächste Hafen war Whampoa gleich flussaufwärts hinter Hongkong, im roten China, wo es damals moderne medizinische Technik noch nicht gab und die "Kulturrevolution" in vollem Gange war. Insgeheim beneideten wir ein wenig unseren Kameraden um seinen verlängerten Aufenthalt im quirligen, supermodernen Hongkong.

Was damals niemand wissen konnte - auf dieser Reise sollte es einen weiteren Patienten geben ...

In Yokohama passierte es...

Der Kurs unseres Schiffes, der "Freyburg" (vgl. Typ-XD), führte bereits weiter in den Norden nach Yokohama in Japan. Die Temperaturen glichen schnell wieder den europäischen, und viele von uns "Schnupfelten" deshalb. Sofort nach dem Festmachen in Yokohama öffneten wir die Luken für den Lösch- und Ladebetrieb. Dabei behinderte ein Stauholz das Öffnen der Luke 2, und ich griff kurzerhand zur Säge. Auf einmal geriet ein winzigkleiner Sägespan, welcher durch den aufgekommenen Wind hochgewirbelt worden war, in mein linkes Auge. Ein Reflex zwang mich unüberlegt zum Reiben. Das Minispänestück kam aber nicht aus dem Auge heraus, sondern ich drückte es dabei sogar noch durch sämtliche Häute meines Auges. Am nächsten Morgen war es dick geschwollen, und schon am Nachmittag sah es nach gefährlicher Entzündung aus, denn auch Erkältungsviren nutzten inzwischen die Wunde als Eingang in die warmen Gefilde meines Körpers.

Der Makler brachte mich nicht wie zunächst befürchtet nur zum Apotheker, sondern gleich in eine Augenklinik. Für den Augenarzt stand nach der Untersuchung am 24. März 1972 fest, dass entweder schnelle stationäre Behandlung erfolgen sollte oder ein Verlust des Augenlichtes drohe.

Ich packte also meine Plünnen, "musterte ab" und zog samt Seesack in das Hospital um, dem SATO OPTALMIE HOSPITAL, Onrecho 6-90, Yokohama, Tel 68/0839. Vorher musste jedoch den japanischen Einreiseformalitäten Genüge getan und mit Seefahrtsbuch eine behördliche Aufenthaltsgenehmigung beantragt werden. Hätte ich das alles vorher gewusst, wären meine Bartstoppeln abrasiert gewesen, aber Hein Seemann als Seewetterfrosch ist noch lange kein Hellseher. Unrasiert, ziemlich lang behaart und mit einer schwarzen Augenbinde machte ich sicherlich nicht den besten Eindruck auf die Einheimischen. Aber es half nichts, es ging um mein Augenlicht, nicht um eine "Brautschau".

Ein kleines Einzelappartement mit großen Fenstern und einem "Wunderding" im Badezimmer wurde also für die nächste Zeit mein japanisches Zuhause. Das "Wunderding" war eine in den Boden eingelassene Sitzbadewanne, in der man in Fußbodenhöhe bequem wie in einem Sessel saß. Alles - die Einrichtung und das Tempo der Therapie - war selbstredend japanisch, denn sofort und ohne Zeitverzug musste ich in der Klinik zur Behandlung antreten. Hier lief alles nach exaktem Plan - es war wie auf einem Schiff organisiert.

Hautnahes Erlebnis: Der Stellenwert der Hygiene in Japan

Die sorgfältige Gesundheitskunst der Japaner war eine unmittelbare Erfahrung für mich Europäer. Meine nagelneue Augenklappe wurde mit Hilfe einer Holzzange - bloß nicht mit der Augenklappe in Berührung kommen! - sofort und als unhygienisch von einer Schwester entsorgt. Dafür bekam ich eine japanische Augenklappe auf den Mullverband, bestehend aus desinfizierbarem Metall und wie bei einem Sieb mit unzähligen Löchern durchsetzt. "Damit die Wunde atmen kann." Jede zweite Stunde musste ich von nun an in der unteren Etage der Klinik zur Behandlung erscheinen: Augen reinigen, Augentropfen, Spritze über oder neben das Auge und immer wieder gründliche Reinigung der Augenklappe. Mal die Zeit verschlafen oder eine Behandlung auslassen - nicht in Japan! Denn dann klingelte spätestens zwei Minuten nach dem "verpassten" Termin erbarmungslos das Telefon, oder jemand vom Klinikteam erschien sogleich persönlich.

Im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich an den minutiösen Behandlungsrhythmus und an die eiserne Disziplin der Japanerinnen und Japaner, die sogar beim kleinen Schnupfen eine Binde vor Mund und Nase trugen. In Europa unvorstellbar.

Verständigung und Verpflegung gut

Die Konversation in dieser Klinik in Yokohama stellte kein Problem dar. Das Personal sprach auch französisch, englisch und sogar etwas deutsch. Ich bediente mich zumeist meiner Muttersprache, obwohl ich inzwischen ein paar japanische Worte drauf hatte. Zum Beispiel bedankte ich mich nach der täglichen Reinigung des kleinen Appartements oder nach dem Servieren der Speisen in der Landessprache mit "Arigato" (Danke), einer kleinen netten Geste gegenüber den japanischen Krankenschwestern. Nicht alles, was mir serviert wurde, fand den Beifall meiner Geschmacksnerven. Und wenn doch mal Reste auf dem Teller zurückblieben, bedauerte ich es so höflich, wie es in Japan Usus ist - "Gomen Nasai" (Entschuldigung). Allerdings kam das eher selten vor, denn mein Appetit war so gut wie die Kost. Ein japanisches Sprichwort sagt: "Hast du Gift gegessen, iss die Schüssel gleich hinterher." Das aber war bei dem echt guten "Japanisch" zum Glück nicht nötig.

Morgens begann der Tag für mich oft mit Haferflockensuppe, Spiegeleiern, Toast und Obst. Reis dominierte bei den weiteren Mahlzeiten. Kartoffeln gab es oft nur als Gemüsebeilage. Pilze, Eier, Shrimps, Fisch, Geflügel und Schweinefleisch wechselten sich ab oder waren manchmal auch zugleich vertreten. Mehrere unterschiedliche Soßen, die neben den Speisen in kleinen Schüsselchen aufgestellt wurden, sollten dem Essen Geschmack und Note geben - zwischen süß und salzig. "Shoyo" nennen die Japaner ihre Sojasauce, einem schwarzen und mit Salz versetztem Ferment aus Sojabohnen, in der japanischen Küche genauso unentbehrlich wie "Wasabi", dem japanischen Meerrettich, der als Pulver aufgetischt wird. Etwas Shoyo wird mit dem grünlichen Wasabi-Pulver so verrührt, dass seine Schärfe nicht mehr das Wasser in die Augen treibt. Jeder Bissen sollte vor seinem Verzehr in Soßen getunkt werden.

Ob meine Kameraden mich wegen des langen Aufenthaltes in Japan auch ein wenig beneidet hatten? Aber sie wussten nicht, dass ich meine japanische Wohnung auf Zeit aus Hygienegründen nur zum Klinikbesuch verlassen durfte, und die befand sich auch noch im gleichen Gebäude.

Eingeschränkt reisefähig

Langsam besserte sich meine Verletzung, und der Arzt bescheinigte endlich Bewegungsfreiheit, allerdings vermindert und mit der Auflage zu ärztlicher Kontrolle im nächsten Hafen und Weiterbehandlung in der Heimat. Die "Freyburg" war zwischenzeitlich in Korea gewesen, sollte nun Ladung von Kobe nach Europa bekommen und kehrte also bald nach Japan zurück, allerdings in jenen anderen, mehrere hundert Kilometer entfernten Hafen. Ich freute mich natürlich sehr über diese Fügung, denn die Reise mit dem berühmten Shinkansen-Express von Yokohama nach Osaka über Fuji, Nagoya und Kyoto vorbei am berühmten Hamamatsusee samt Weiterfahrt mit der S-Bahn nach Kobe brachte endlich neue Eindrücke und Erlebnisse, und gerade danach war ich nach meiner "Klinikhaft" wie ausgehungert.
   

Herzlichen Dank an Stephan Bohnsack für seine Erinnerung
in jenen für Japan besonders schmerzlichen Wochen 2011.


 


"Ein 'Veilchen' in Japan": Seeleute Rostock e.V., März 2011

   

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  06.01.2015  
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