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Stephan Bohnsack, Rostock

Ein Seekätzchen auf Großer Fahrt

Ebenfalls erschienen in den "Bordgeschichten X",
DSR-Seeleute e.V., Freiberg, 2011, www.seeleute.de fremdlink.gif.

Unser Internet-Kurztitel: Kätzchen auf Seereise


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Mit Tieren an Bord war es schon so eine Sache. Erst wollte sie keiner, dann betätigten sich alle als deren Retter, und nach einer bestimmten Zeit verwöhnte sie ein jeder. Unser Kätzchen in spe, schwarz-weiß gefärbt, hatte sein Revier vor einem der typischen Lagerschuppen im Hafen von Havanna. Ausgehungert, unterernährt, mutterseelenallein und jeden vorbeikommenden Menschen mit lautem Mauzen daran erinnernd, dass sie auch noch auf der Welt und es Zeit für eine Futterspende sei. Sie habe schließlich Hunger. Das Kätzchen schien nicht dumm, denn es postierte sich genau an dem Weg, den jeder Passant des Hafentores auf dem Weg zum Schiff oder zur Arbeit in den Lagerschuppen nehmen musste, so auch die Jungs unseres Schiffes BERLIN (vgl. Typ-IV).

Sturm- und arbeitserprobt wie Seeleute waren, meisterten wir gemeinsam bereits viele kritische Augenblicke auf den Meeren. Und jetzt diese Herausforderung, ein bettelndes, ausgehungertes Kätzchen, ganz alleine in der dunklen Tropennacht. Mit einer solchen Herausforderung hatte nach den lustigen Stunden zwischen Rumba und „Bacardi“ in der „El Conjechito“-Bar keiner gerechnet. Eine Ernüchterung, der die Jungs nicht gewachsen waren. Am nächsten Morgen war das Ergebnis dieser nächtliche Begegnung dann auch für alle Besatzungsmitglieder deutlich sichtbar an Bord anwesend.

„Runter vom Schiff“, so die erste Reaktion des Alten. „Aber nicht in diesem Zustand, wir päppeln sie erst auf“, so unsere heimlichen Gedanken, sozusagen als selbsternannte „Schiffstierpfleger“. Die nautischen Offiziere lebten sowieso in den vorderen Aufbauten, Maschinen- und Deckspersonal aber in den Aufbauten des Achterschiffes. Das Kätzchen bekam hier freien Auslauf, liebevolle Pflege und Futter ohne Ende. Jetzt war auch in ihrem Leben die Sonne aufgegangen. Die Besatzung hatte einen neuen Spielkameraden, zu dem sich später auch noch ein armes Hündchen und ein vorlauter Papagei, diesmal allerdings im Vorschiff, dazugesellten. Der Alte schluckte es. Er übersah und duldete letztendlich diese Menagerie. Die Besatzung tat alles, um die „Seetiere“ gut und reibungslos zu betreuen sowie Belästigungen der mitreisenden Passagiere oder der Seetier-Gegner durch sie zu vermeiden. Artgerechte Haltung, sagt man heute. Damals war uns dieser Begriff noch unbekannt. „Seehund“ und „Seekatze“ machten uns Seeleute glücklich, wenn sie unsere Backskisten zum Schlafen erwählten oder zum Spielen in einer der Kammern erschienen. Wo Trubel war, da waren auch sie. Auch ich freute mich immer über den Besuch der Seetiere.

Die Katze kam während einer bestimmten Zeit immer häufiger zur mir. Ich besaß eine große Kammer für mich und meine Pflanzensammlung ganz alleine und war vielleicht aus Sicht des Kätzchens ein angenehmer Zeitgenosse. Eine große Holzkiste, die ich bis zum Rand mit Blumenerde gefüllt und mit exotischen Pflanzen bepflanzt hatte, stand in der Mitte des Raumes. Bei längeren Liegezeiten und bei anderen sich bietenden Gelegenheiten brachte ich immer irgendwelche Pflänzchen von Land mit, die hier eine neue Heimat finden sollten. Eines Tages bemerkte ich aber ausgerechnet in meiner Kammer einen beißenden, etwas penetranten Geruch. Gammelten irgendwo Lebensmittel oder Früchte? Tagelang suchte ich ergebnislos nach der Ursache, bis ich geheimnisvolle Spuren entdeckte - genau in meiner Blumenkiste. „Artgerecht“ mochte das Kätzchen gedacht haben und versenkte gerade verdautes Futter in einer Kuhle, natürlich mitten in meinen Anpflanzungen und in einem Moment, als ich herein kam.

Jeder sorgte für Tierfutter - wo es aber dann nach der körperlichen Verwertung blieb, darüber machte sich keiner Gedanken. Ab sofort bekam das Kätzchen seine eigene Kiste, angefüllt mit geeignetem Streumaterial. Trotzdem blieb ihre Liebe zu meinem Blumenparadies für den Rest der Reise erhalten, falls ich vergaß, das Schott zu schließen, oder ein Spaßvogel es extra nur anlehnte, was auch einige Male vorkam. Dann entleerte sich das Kätzchen liebevoll inmitten meiner Pflanzen, um sich anschließend auf meiner Backskiste von den Anstrengungen einer Seekatze auf Großer Fahrt zu erholen. Ich verzieh es ihr.

Herzlichen Dank an Stephan Bohnsack für seine Kurzgeschichte, die sich auf
der "Berlin" (1), auf der Überfahrt von Havanna nach Hamburg, zutrug.


Foto: Stephan Bohnsack, Rostock


"Kätzchen auf Seereise": Seeleute Rostock e.V., Februar 2011

   

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  06.01.2015  
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