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Norbert Schmidt, Písek

Eine Reise mit Hindernissen auf MS ALBATROS

Unser Internet-Kurztitel: Unbeholfener ALBATROS 

Erschien ebenfalls in unser aller "Bordgeschichten",
 DSR-Seeleute e.V., Freiberg, www.seeleute.de fremdlink.gif.


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Die ALBATROS (vgl. Vogel-Framo) war ein Frachtmotorschiff mit einer Ladefähigkeit von 2.700 Tonnen. Sie wurde am 06.06.1961 von der Rostocker Neptun-Werft an die DSR ausgeliefert. Die Reederei setzte die acht Schiffe dieses Typs "Framo Albatros" überwiegend im Levante-Dienst ein, wobei je nach Ladungsangebot auch oft verschiedene westeuropäische Häfen bedient wurden. Im Mittelmeer konnten auf Grund der Schiffsgröße und der vorhandenen Ladegeschirre auch kleinere Häfen wie z.B. Kalamata problemlos angelaufen werden. Verkauft wurde die ALBATROS am 25.06.1981 an eine Reederei in Limassol auf Zypern. Von 1981 bis 1994 fuhr das Schiff unter zypriotischer Flagge. Es trug die Namen SAMOS STAR und STAR. Ab 1994 gehörte das Schiff einer Reederei in San Lorenzo (Honduras), die es in SHELBY STAR umbenannte. Am 06.12.1994 sank die ehemalige ALBATROS vor der Küste Panamas 35 Seemeilen nördlich des Kaps von Portobelo mit einer Ladung Gips bei schwerem Wetter. Zwei Seeleute kamen um.

Ich stieg am 09.02.1976 als Erster Offizier auf dieses Schiff auf. Es war vorgesehen, mit dem MS ALBATROS unter strengster Geheimhaltung eine Ladung militärischer Güter, darunter zwei Spezialpanzerfahrzeuge, nach Angola zu bringen. Deshalb waren alle nautischen Offiziere sowie einige Techniker von der Reederei ausgetauscht worden. Zusätzlich kamen ein Funkoffizier, der aber noch vor dem Auslaufen aus Rostock wieder abgezogen wurde, und ein nautischer Assistenzoffizier an Bord. Glücklicherweise stellte sich in der Vorbereitungsphase dieser Reise heraus, dass der Trinkwasseraufbereiter des Schiffes nicht einsatzklar war und in den nächsten Tagen nicht wieder repariert werden konnte. Aus diesem Grunde war der angedachte "Friedenstauben"-Transport von der ALBATROS nicht durchführbar, und so traten wir besatzungsmäßig mit zu hohen Qualifikationen und Patenten besetzt eine ganz normale Mittelmeer-Reise an. Unsere Reiseroute sollte nun Rostock - NOK - Goole - Middlesbrough - La Spezia werden, und die Rückreise war in den Nord- und Ostseeraum vorgesehen.

Schon im NOK blieben wir zwei Tage vor der Schleuse von Brunsbüttel wegen schlechten Wetters liegen, liefen danach weiter und mussten dann doch noch auf Helgoland an der ehemaligen Wehrmachtspier festmachen. Trotz der Unterstützung des Rettungsschiffes ARVED EMMINGHAUS kam es beim Anlegen zu Einbeulungen und Beschädigungen an unserer Außenhaut. Das bedeutete viel Arbeit für mich, da Besichtigungen von diplomierten Patentträgern ausgeführt werden mussten. Es gibt auf Helgoland nur den Leiter der Polizeistation, der behördliche Aufgaben wahrnehmen darf, aber Schadensbesichtigungen gehören nicht zu seinen Dienstobliegenheiten. Das schafften der Leitende Ingenieur und ich dann noch rechtzeitig und unser Schiff erhielt die gewünschte Auslaufgenehmigung.
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Der Hafen von Helgoland am zweiten Februarsonntag im Jahre 1976. Die ALBATROS liegt noch an der Pier.
In den frühen Nachmittagsstunden des zweiten Sonntags im Februar 1976 legte die ALBATROS wieder mit Hilfe des Rettungsschiffes ARVED EMMINGHAUS von der Pier auf Helgoland ab. Allerdings erlitt die ALBATROS beim Drehen in die Auslaufrichtung eine Kollision mit der Ecke der Wehrmachtspier, und auf der achteren Backbordseite wurde ein Loch im Bereich der letzten Mannschaftskammer, dem sogenannten "Eisenbahnerabteil", festgestellt. Diese Kammer war nicht belegt, und so waren keine Personenschäden eingetreten. Aber nun begann erneut der Papierkrieg, und die Telefone liefen wieder heiß. Da der aus Stralsund stammende Kapitän mir die Verhandlungen mit der DSR und den anderen Vertragspartnern überließ, erreichte ich in seinem Auftrage, dass das Schiff seine Reise in den nächsten Bestimmungshafen fortsetzen konnte und die Reederei-Anweisung zum Anlaufen von Folkestone zurückgezogen wurde.
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Die heimlaufende ARVED EMMINGHAUS
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MS ALBATROS trockenliegend im englischen Goole
Im Becken der ortsansässigen Werft in Goole entfernten die Werftarbeiter unsere provisorische Abdichtung des Lecks, verschlossen es fachgerecht, und das Schiff erhielt einen Teilanstrich. Gleichzeitig löschten wir die elf rumänischen Kleinlastwagen vom Typ ROMAN. Die Stückgutpartien aus dem Rostocker Hafen wurden danach an einem anderen Platz des Hafens an Land gebracht. Als das Schiff leer war, versegelten wir nach Middlesbrough, wo eine volle Ladung Moniereisen für La Spezia in Italien übernommen wurde.
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MS ALBATROS passiert auslaufend die Dockschleuse in Middlesbrough und geht auf Reise nach La Spezia.
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Am Goniometer-Peiler 1) im Kartenraum der ALBATROS
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Eintrag ins Schiffstagebuch in der EO-Kammer
Im italienischen La Spezia löschten wir das Moniereisen auf bereitgestellte Lastkraftwagen und erfuhren während des Löschens, dass wir als Rückladung wieder Moniereisen transportieren werden und diese Ladung in Bremen löschen sollen. Das Entladen des Schiffes dauerte einige Tage, und in dieser Zeit erkrankte unsere Alleinstewardess. Sie wurde an Bord von einem italienischen Arzt behandelt und von ihm kurz vor dem Auslaufen wieder gesundgeschrieben. Außerdem entrümpelten wir während dieser Hafenliegezeit alle Lasten des Schiffes, verkauften allen Schrott sowie alle unnützen Dinge. Für den Erlös aus dieser Aktion kaufte der Kapitän weiße Schiffsfarbe der Firma Hempels und ließ damit die Aufbauten der ALBATROS noch während der Hafenliegezeit in La Spezia und danach während der Heimreise streichen.
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MS ALBATROS im Hafen von La Spezia am 19.03.1976 (Feiertag in Italien)
Das sollte ihm später einen "mündlichen Rüffel" vom zuständigen Inspektor einbringen, da die blendend weißen Aufbauten im Rostocker Überseehafen auffielen. Zu unserer Verblüffung stellten wir bei der Beladung fest, dass wir unsere eigene Ladung, die wir nach La Spezia gebracht hatten, wieder in unser Schiff geladen bekamen. So liefen wir am Mittag des 21.03.1976 mit der gleichen Ladung wie auf der Hinreise aus und begaben uns auf die Rückreise nach Bremen. Weit kamen wir nicht.
 
Nachts fiel unsere Alleinstewardess Fräulein B. um, und der hinzu gerufene 2. Offizier sowie der Kapitän konnten kein klares Krankheitsbild diagnostizieren. Auf Grund der vorherigen Krankheit entschloss sich der Kapitän zur Rückkehr nach La Spezia, um die Stewardess in ärztliche Behandlung zu übergeben. Also liefen wir mit voller Kraft erneut auf La Spezia zu. Alle unsere Anrufe auf UKW beantworteten La-Spezia-Radio oder die dortige Marinefunkstelle nicht. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als eigenständig in die Bucht dieser Hafenstadt einzulaufen, die entsprechenden Flaggensignale zu setzen und weiterhin auf UKW ständig Anrufe auszusenden. Erst als wir einlaufend die Insel del Tino umrundeten, beantwortete Port-Control La Spezia unseren Anruf und erlaubte sofort das Weiterlaufen in die Bucht hinein. In der inneren Bucht, kurz vor den Handelshafen-Liegeplätzen, stoppten wir das Schiff auf, übernahmen nach ein paar Minuten einen herbeigeeilten Lotsen und fanden uns kurz nach 08.00 Uhr an einer der Piere im Hafen La Spezia wieder.

Schneller als der bestellte Krankenwagen und die Behörden war ein Reporter der Tageszeitung der Hafenstadt vor dem Schiff, fotografierte sofort alle Aktionen und noch am gleichen Tage konnten wir unser Schiff, unseren zweiten Offizier und unsere Stewardess beim Abtransport mit dem Krankenauto in dem Blatt bewundern. Es begannen dann die üblichen behördlichen Befragungen sowie Konsultationen mit der DDR-Botschaft in Rom, den Maklern und dem Arzt des katholischen Krankenhauses, dem unsere Stewardess zur Behandlung zugeführt worden war. Mir fiel dann noch die Aufgabe zu, unserem Fräulein B. ein paar persönliche Dinge zu überbringen und den schriftlichen vorläufigen Befund des Arztes im Krankenhaus abzuholen, damit der angefallene notwendige Schriftverkehr weiter geführt werden konnte. Leider musste ich unsere Stewardess enttäuschen, weil ich ihr klarzumachen hatte, dass sie im Krankenhaus bleiben musste. Sie hatte sich bei meinem Erscheinen gedacht, sie würde mit mir zurück an Bord fahren können und weinte, als sie erfuhr, sie müsse in La Spezia bleiben.

In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages kam der Konsul der DDR-Botschaft an Bord, musterte die Stewardess ab, bestätigte die Eintragungen im Schiffstagebuch und stellte einige Papiere für das Schiff und die Behörden aus. Danach fuhr er mit dem Kapitän und mir zu unserem Makler, wo weitere offizielle Persönlichkeiten uns schon erwarteten. Dort wurden Dokumente ausgetauscht und festgelegt, dass die "ALBATROS" einen erneuten ärztlichen Befund abzuwarten hatte, der in den späten Nachmittagsstunden erstellt werden sollte. In diesem Befund waren eigentlich keine neuen Erkenntnisse zu erwarten und es wurde deshalb festgelegt, dass das Schiff noch am Abend La Spezia verlassen wird.

Damals konnte keiner wissen, dass unsere Stewardess nach einer längeren Phase mit Diät-Kost-Ernährung während der Hafenliegezeit sich nach dem Verlassen von La Spezia spätabends eine große Portion Spaghetti gegönnt hatte und möglicherweise eine Kelle zu viel dieser Teigwaren auf ihrem Teller war. Das führte wohl zu dem Kollaps, in dessen Folge sie sich im katholischen Krankenhaus von La Spezia wiederfand.

Wir liefen dann wie geplant am Abend des 23.03.1976 von La Spezia ab. Die Reise nach Bremen verlief ohne irgendwelche Komplikationen, und dort löschten wir einen Teil der Moniereisen. Wir waren aber nur kurze Zeit in Bremen, die genesene Stewardess kam wieder an Bord und nahm ihren gewohnten Dienst auf. Der nächste Hafen, den wir wegen der Restlöschung des an Bord verbliebenen Teils unserer Ladung anliefen, war Kiel. Auch dort brauchten die Hafenarbeiter nur einen Arbeitstag, um das Schiff vollständig zu entleeren. In Ballast versegelte dann das Schiff auf Order der DSR nach Rostock. Am 10. April 1976, fast genau nach zwei Monaten Fahrenszeit, verließ ich das Motorschiff ALBATROS und musste noch am gleichen Tage die drei DSR-Schiffe übernehmen, die damals dem Rostocker Überseehafen als Getreidelager dienten.
   
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MS ALBATROS im Rostocker Überseehafen
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MS ALBATROS im Wismarer Hafen

1) Goniometer-Peiler: Beschreibung unter Schiffe/Schiffstechnik & Seemannschaft unter "6. Deck & Nautik".

Herzlichen Dank an Norbert Schmidt für seine Erzählung und die Bilder dazu!

Fotos, Abbildungen: Sammlung Kpt. Norbert Schmidt, Písek


"Unbeholfener ALBATROS": Seeleute Rostock e.V., Juli 2010

   

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  05.01.2015  
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