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Rolf Beckert, Chemnitz

Krank in Mexico


Leider hatte ich meinem Schiff Ärger und Kosten verursacht. War eben Pech. Ich habe hier mal aufgeschrieben, wie es sich ungefähr zutrug.

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Schornstein der "EMMA" mit Typhon und Peilrahmen

In Mexiko, der Hafenstadt Coatzacoalcos. In der Indianersprache heißt Coatzacoalcos: "Ein Ort, an dem eine Schlange lebt".

Mein Schiff war das Dampfschiff "Ernst Moritz Arndt" (die "EMMA") (vgl. Ankaufschiffe). Ich hatte ab Mittag wachfrei und wollte unbedingt an Land. An Bord war es vor Hitze nicht mehr auszuhalten. Selbstverständlich ging es den anderen Leuten der Gang ebenso. Ich hatte aber frei und konnte an Land. Die Hitze im Maschinenraum und zwischen den Kesseln war unerträglich, 55 Grad. An Land war es dagegen echt frisch, bei vielleicht 30 Grad im Schatten. Das Wort Schatten möchte ich etwas hervorheben. Denn da, wo ich an Land meine Wanderung, meine 'Fotoexkursion' machte, gab es keinen Schatten. Meine Krankheit, die ich mir heute Nachmittag holte, war wahrscheinlich ganz einfach ein Sonnenstich. Mehrere Stunden war ich in der Prärie auf Foto-Pirsch. Ohne Kopfbedeckung. Auf dem Weg zurück zum Hafen habe ich mir eine CocaCola geleistet. Ja, echt geleistet, denn an Bord ist eine VitaCola wesentlich billiger. Doch ich hatte übermäßigen Durst. Die CocaCola war eiskalt, dazu noch Eiswürfel im Glas. Zisch und weg.

Zurück an Bord meldete sich mein Magen mit Schmerzen über Schmerzen. Als Ursache vermutete ich die Eiscola. Das stimmte zum Teil. Meine Wache unten im Keller (im Maschinenraum) begann 20 Uhr und ging bis 24 Uhr. Unser Schiff wurde mit Schwefelkies-Pulver beladen. Deshalb waren alle Lüfter abgestellt oder mit Planen abgedeckt. Im Maschinenraum war es nicht auszuhalten. Die Wache wurde immer von zwei Mann gehalten, dem Heizer und dem Maschinisten. Ich war der Maschinist. Auf See gehörte immer noch der Wachingenieur zur Maschinenwache. Im Hafen machte er aber nur Bereitschaft in seiner Kabine. Wegen der Magenschmerzen und meiner völligen Benommenheit hatte mir mein Heizer alle meine Arbeit abgenommen. Ich konnte dann wenigstens den Notausstieg am Ende des Wellentunnels hochsteigen und bissel frische Luft schnappen.

Am nächsten Morgen war ich krank. Ich konnte meinen Dienst um 8 Uhr nicht antreten. Das Schiff bereitete sich aber bereits auf das Auslaufen vor. Von Mexiko nach Westeuropa. Ich benötigte einen Arzt. Eine Atlantiküberfahrt mit einem Kranken an Bord wollte der Kapitän nicht riskieren. Jemand von der Handelsagentur brachte mich im Pkw zu einem Arzt.

Der mexikanische Arzt hatte seine Probleme mit mir. Ein großes war die Sprache. Deutsch und Spanisch gingen nicht. Englisch nur schlecht. Mit einigen Begriffen wie etwa 'Schmerzen' oder 'Magen' oder 'was hast Du gegessen' und 'was haben die anderen Leute an Bord gegessen' und 'sind die auch krank?' haben wir uns meiner Krankheit angenähert. Beladen mit Medikamenten wurde ich an Bord zurückgebracht. Nebenbei gesagt, der Preis für die Medizin und den Arzt, den das Schiff bezahlen musste, war horrend. Als ich an Bord zurück war, ging unser Schiff in See.

Folgende Nacht hatte die Arznei schlimme Nebenwirkungen bei mir ausgelöst. Mein Kopf und meine Hände schwollen an. Auf doppelte Größe. Meine Augen waren im Gesicht verschwunden. Die Schmerzen waren jetzt überall. Es war klar, da lief etwas schief. Zuständig für medizinische Notfälle an Bord war der zweite nautische Offizier. Wenn dieser nicht mehr helfen konnte, er war ja nun mal kein Arzt, wandte er sich über Funk an eine internationale Stelle für kranke Seeleute. In der Sorge um mich wurde unsere Stewardess bemüht, mich zu untersuchen. Auf Blinddarmentzündung. Wieso die Stewardess? Nun, sie war vor ihrer Seefahrtszeit Kinder-gärtnerin. - Ihr seht, alle waren besorgt um mich.

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Skoda-Busse an Deck der "EMMA" für Cuba

Vielleicht hatte die kubanische Küstenwache unseren Funk mitgehört, denn sie erfragte die Schiffsposition und den Sachverhalt zu dem Kranken an Bord. Daraufhin kam der Kapitän in meine Kammer und sagte mir, ich solle mich darauf vorbereiten, dass mich eventuell die Marine mit einem Hubschrauber abholt und in ein sowjetisches Krankenhaus bringt. Also, es begann interessant zu werden. Mir war aber nicht wie Lachen.

Doch das Schiff bekam die Order "Einlaufen Havanna-Innenreede". Ich werde mit einem Boot vom medizinischen Dienst der Seefahrt, oder so ähnlich, abgeholt. So war die Information. Als das Boot kam, um mich zu holen, gab es wieder eine Wendung. In Havanna lag das DDR-Handelsschiff MS "Freundschaft". Der Schiffsarzt der "Freundschaft" war mit im Boot, er wusste von meiner Situation und wollte mit mir sprechen. Er sicherte mir zu, mich wieder gesund zu machen. Bei mir blieb die Entscheidung, ob Krankenhaus in Havanna (konnte mir eigentlich gut gefallen) oder an Bord der "Freundschaft" in Obhut des Schiffsarztes, der mir Heilung verspricht (logisch, dass ich das annehmen musste). Es wurde umorganisiert und das Boot brachte mich nicht ins Krankenhaus, sondern zur "Freundschaft". Natürlich war dies die richtige Lösung - aber im Krankenhaus, in klimatisierten Zimmern mal richtig ausschlafen, das stellte ich mir auch schön vor.

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Busse vom Deck der "EMMA" auf die Plattform
eines Schwimmkranes
Der Aufwand und vielleicht auch der Ärger und vor allem die Kosten, die ich verursachte - all das tut mir leid. Ich konnte nicht dafür, war einfach nur Pech.

Das Lazarett-Zimmer an Bord der "Freundschaft" war nun mein neüs Zuhause. Ein Krankenzimmer auf einem Schiff ist in der Regel völlig überflüssig. Die Leute an Bord sind gesund. Der Doktor hatte dieses Zimmer in sein persönliches Museum umfunktioniert. Schön. Der Schiffstyp und das Leben auf einem Typ IV-Schiff waren mir vertraut. Ich war auf dem MS "Gera" gefahren, ebenfalls ein Typ IV, damals auf Ostasienreisen. Welch Zufall, den Steward, der mir das Essen ans Bett brachte, kannte ich von der "Gera". Wir kannten uns. Er war dort Matrose. Nach einem Unfall konnte er nicht weiter als Matrose fahren und wurde zum Steward umgemustert. So ist es eben manchmal. Einige von der Besatzung der "Freundschaft" interessierten sich für mich und besuchten mich im Krankenzimmer. Dies hatte aber zum Teil ebenfalls mit der "Gera" zu tun, weil nämlich einige Leute einer früheren "Freundschaft"-Besatzung später auf der "Gera" fuhren. Etwa Bäcker Kuhse. Da ich diese Leute alle kannte, hatten wir ausreichend Gesprächsstoff. Wie oben schon beschrieben, ich komme gerade als Kranker von der "Ernst Moritz Arndt". Die Gera-Zeit liegt länger zurück.

Meine Genesung war eine Frage der Zeit, weniger der Arznei. Der Schiffsarzt hatte mehrere Erklärungen für meinen Zustand: War es der Sonnenstich? Hoffentlich bleibt da nichts zurück... zurück... Es gab eine weitere Erklärung für meinen Zustand - traf bei mir aber sicher nicht zu: Wenn Fischer im Nordpolarmeer wochenlang keine Sonne haben, wegen Nebel, aber auch bei Polarnacht, und dann, wenn das Schiff dieses Gebiet verlässt und die Sonne wieder voll vom Himmel knallt, kommt es bei den Fischern zur Überproduktion an Vitamin D. Die Folge ist ein eigenartiges Krankheitsbild. Genauer wollte ich es gar nicht wissen, mir ging es wieder gut.

Krank war ich ungefähr zwei Wochen. Als ich gesund war, aber noch von der Arbeit befreit, erhielt ich vom Schiffsarzt Ausgang, genauer gesagt Landgang. In Havanna kannte ich mich aus, zumindest im Radius, den man vom Hafen aus zu Fuß erlaufen konnte.

Nach dem Aufenthalt im Krankenzimmer war meine neue Unterkunft nun "unter Deck". Ich wohnte zusammen mit Stummel. Alle Kabinen waren Zweimannkabinen. Nur Stummel wohnte bisher allein, das war sein Privileg, er war von allen am längsten an Bord, und er wollte auch bis zum Verschrotten an Bord bleiben. Ich musste mich ihm sehr anpassen. Übrigens ging er nicht mehr an Land, er kannte schon alles.

Ein solches Schiff wie die "Freundschaft" und die "Gera" liegt noch in Rostock-Schmarl am Kai des IGA-Geländes als Museumsschiff. "Traditionsschiff Typ Frieden". Die "Freundschaft" war das zweite Schiff der Frieden-Klasse - das erste hieß MS "Frieden". Es ist so üblich, dass eine Schiffsserie nach dem Namen des ersten Schiffes betitelt wurde. Nach "Frieden" und "Freundschaft" folgten weitere Schiffe, nach Bezirksstädten der DDR benannt. Es waren Zehntausendtonner. Die "Gera" war ebenfalls ein Schiff dieser Serie, sie war das dreizehnte Schiff.

Da ich nun auf der "Freundschaft" anheuerte, war ich ein Besatzungsmitglied der Maschine. Für die Überfahrt nach Rostock wurde ich in den Wachplan voll eingebunden. Ich benötigte nur wenig Einweisung, um meine "Gera"-Kenntnisse und -Erfahrungen hier auf der "Freundschaft" einzusetzen. Meine hauptsächliche Erfahrung, die ich von der "Gera" mitbrachte, war allerdings: Nie wieder Typ IV!! Aber ich konnte es mir nicht aussuchen.

Die Fahrt von Havanna nach Rostock führte uns noch für eine Woche nach Isabella de Sagua auf Cuba und eine weitere Woche nach Matanzas, auch auf Cuba. Ich war rund acht Wochen an Bord der "Freundschaft". Da ich nun richtig zur Besatzung gehörte, war die "Freundschaft" mein Schiff. Das bedeutete aber normalerweise auch, während der Hafenliegezeit in Rostock paar Tage nach Hause auf Urlaub und dann wieder in See. Doch ich hatte von den Tropen erst einmal die Nase voll. Und ich brauchte Erholung.

Nun, lieber Leser, es gab die Frage: "Wann war das eigentlich"?
Auslaufen aus Wismar mit der "EMMA": 14. Januar 1964
Auslaufen Coatzacoalcos mit der "EMMA" am: 08. März 1964
Einlaufen Havanna und Umsteigen auf die "Freundschaft": 12. März 1964
Einlaufen Rostock mit der "Freundschaft": 22. April 1964
Absteigen von der "Freundschaft" in Rostock: 06. Mai 1964
Lieber Leser, ich musterte von der "Freundschaft" ab und fuhr anschließend zwei Jahre mit der "Senftenberg" ins Nordmeer, zigmal nach Murmansk.

Herzlichen Dank an Rolf Beckert für seine Story und Fotos!

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Die "EMMA" in Wismar. Dort hatten wir Masut gebunkert.


Fotos: Rolf Beckert, Chemnitz


"Krank in Mexico": Seeleute Rostock e.V., März 2009

   

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  05.01.2015  
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